Piemont Alpen im Abseits

Unterwegs auf dem Höhenwanderweg Grande Traversata degli Alpi Von Valentin Groebner

Reist man aus Turin an, von Süden kommend, dann gibt es keine Vorberge, kein voralpines Hügelland, das das Auge vorbereitet und hinauflenkt: Aus dem topfebenen Schwemmland hinter Chivasso, Cirie, Ivrea — mit Reisfeldern und üppigen Gemüsegärten, Mais und Pappeln — steigt ohne Übergang der erste Berg 1300 Meter hoch auf, der zweite dahinter glitzert schon weiß, 2500 Meter hoch. Piemont von Was das für Berge sind! Steinige Alpen, fast ohne Wald. Am Südhang ohnehin regenärmer und exponierter als auf der Alpennordseite, sind sie jahrhundertelang geplündert worden von piemontesischen Herzögen, Kohlebrennern, holzkohlegefeuerten Erzgruben und Silberschmelzen in den Tälern. Alpen ohne Skilifte, Gamsbärte, MilkaKühe und Jausenstationen — aber mit Gletschern, Bergseen und mehr als fünfzig Dreitausendern. Unserer Alpenwahrnehmung ist das ungewohnt: Sprechen die Alpen doch bekanntlich deutsch, tragen Dirndlkostüme und hören hinter Südtirol und dem Gotthardtunnel auf. Was weiter südlich liegt, wird bloß als Niedergangsform registriert. Grajische oder Cottische Alpen? Die Ciamarellagletscher? Monte Viso und Rocciamelone? Nie gehört.

Dabei spannt sich von den Walserdörfern im Schatten des Monte Rosa, nahe der Schweizer Grenze, wo noch das Deutsch des 14. Jahrhunderts gesprochen wird, bis zu den verlassenen provenzalischen Nestern unter dem Monte Viso über mehr als 400 Kilometer der große südwestliche Bogen der Alpen in Richtung Mittelmeer. Widerborstige Alpen: Die Waldenser zogen sich im Mittelalter vor dem Griff der Inquisition hierher zurück, später folgten ihnen Banditen, Schmuggler und Partisanen. In der wohlhabenden norditalienischen Region Piemont sind diese Täler bis heute das Armenhaus. Arbeit gibt es hier kaum. Wer hier wohnt, tut das aus Eigensinn oder weil er alt ist. Die Jungen ziehen weg, in die Turiner Bürotürme oder zu Fiat ans Band. Eine ganze Gebirgsregion wandert aus, und zurück bleiben aufgegebene Almen, verlassene Dörfer, zerfallende Wege: Alpen im Abseits.

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Am Ende der siebziger Jahre hat die Associazione GTA in Turin das ehrgeizige Projekt begonnen, mit dem Weitwanderweg GTA (Grande Traversata degli Alpi) einen anderen, neuen Tourismus in diese vergessene Ecke des alpinen Italien zu locken. Ein Wanderweg von der Schweizer Grenze bis zu den letzten Dreitausendern im Süden bei Cüneo sollte Arbeitsplätze in den Tälern schaffen und den Weg öffnen für eine behutsame Entwicklung der Region. Für die GTA wurden leerstehende Schulen, Scheunen, sogar ehemalige Rathäuser (im alten Bergwerksdorf Fondo im Val Chiusella) zu Wandererunterkünften umgebaut und Verpflegungsmöglichkeiten in den lokalen Trattorien auf den Dörfern organisiert. Freiwillige Helfer malten Hunderte von Orientierungsschildern und setzten alte Wege wieder instand „Wir sahen die Möglichkeit, jungen Leuten in den Tälern eine Chance zum Dableiben zu verschaffen eine Existenz", erzählt Enzio, der bei der Associazione ehrenamtlich arbeitet „Und natürlich schwebte uns ein Erfolg wie der der französischen Grandes traversees des Alpes auf der arideren Seite der Grenze vor "

1981 wurden die ersten Etappen der GTA eröffnet. Zehn Jahre später sind sie etablierter Bestandteil der alpinistischen Infrastruktur Italiens. Können die alternativen Wanderpfade auch als Erfolgsmodell für einen „sanften" Alpentourismus ohne Müllhalden und Bettenburgen gelten? Vielleicht Überlaufen sind sie jedenfalls bis heute nicht. Das Ziel, Bergwandern in Piemont mit Hilfe des GTA populär zu machen, war wohl ein wenig hochgegriffen — es sind in der Mehrzahl Österreicher, Holländer und Deutsche, die auf der Grande Traversata unterwegs sind, und die beschweren sich gelegentlich über die primitiven Unterkünfte, den Mangel an heißen Duschen — von nordalpinem Hüttenkomfort kann man in den rauhen Piemontesischen Alpen nur träumen. „Aber dort oben ißt man gut", lacht Enzio, „noch nie hat sich einer übers Essen beklagt!"

Das ist es freilich nicht, was die GTA zu etwas Einzigartigem macht. Der Weg verläuft zum größten Teil auf traditionellen Routen, kunstvoll gemauerten alten mulatüere (Maultierpfaden) und Schmugglerwegen, die die Hochalmen miteinander und mit den entlegenen Dörfern in den Talschlüssen verbinden. Er umgeht nach Möglichkeit die hochgelegenen Hütten des italienischen Alpeavereins. Das macht ihn manchmal anstrengender, weil man immer wieder hinunter ins Tal muß: Aber die Etappen werden nur selten hochalpin, sondern bleiben in den landwirtschaftlich genutzten Gebieten unter 2800 Meter Höhe. Sie führen den Reisenden in eine im Untergang begriffene Welt. In die letzten Nester am Talschiuß, in denen es bis heute keine Elektrizität und keine Autos gibt, und weiter hinauf zu den Almen und den steinernen „Sommerdörfern" der Hirten in 1800 und 2000 Meter Höhe in eine unglaublich harte und arme Welt — nicht einmal achtzig Kilometer oder eineinhalb Busstunden von der Millionenstadt Turin entfernt.

Wenn man von den Weinbergen und mittelalterlichen Burgen des Aostatals oder von den Lanzotälern aus aufsteigt, befällt einen schnell die Einsamkeit. Man durchquert Wälder aus Edelkastanienbäumen; durch kunstvoll gebaute Trockenmauern sind sie in kleine, unregelmäßige Felder zerteilt, aber niemand ist zu sehen. Auf der Tal, Schulter liegt ein„verlas s enes „porf ia mj tten, von AckerterrassenV; auf deinen sich Haselnußsträucher und Brennesseln ihren Platz zurückerobert haben. Eine besondere Stille liegt über der Siedlung, man sieht leere Fensterhöhlen, Eidechsen und gelegentlich eine Schlange, die vor den Füßen davonhuscht „Achten Sie auf die Vipern", hatte man uns gesagt, „schlagen Sie mit dem Stock auf das Gras, bevor Sie sich irgendwo hinsetzen; stampfen Sie mit dem Fuß auf, bevor Sie irgendwohin fassen Noch weiter oben, jenseits der Baumgrenze — die Schneefelder und Felswände der Levanna und Ciamarellagruppe glitzern schon über einem, ein wenig dunstig und wie geträumt im Nachmittagslicht — stehen verfallene Almhütten. Aufeinandergetürmte „Steinmänner", alte Wegzeichen, weisen noch höher hinauf. Die piemontesischen Gebirge sind bis zum Beginn unseres Jahrhunderts dicht besiedelt gewesen, und wie alle armen Gegenden haben sie vorzugsweise Menschen exportiert: Wanderarbeiter, Soldaten, Emigranten. Mit dem Rucksack auf dem Buckel (und 400 Höhenmetern Paßanstieg in den Waden) ändert sich auch die Wahrnehmung der Landschaft: Die Optik ist nicht mehr dieselbe wie vorher, als man, den Photoapparat vorm Bauch, aus dem Auto stieg und pittoreske alte Häuser photographierte. Sie wird durch den Schweiß und dieses gewisse schmerzhafte Ziehen in den Oberschenkeln sozusagen ergänzt. Beides rückt Vorstellungen von der Vergangenheit zwar nicht zurecht, aber es vervollständigt sie. Beweg dich zu Fuß durch eine traditionelle Kultur, und du hast einen genaueren Begriff von ihrer Mühseligkeit. Die GTA ist eine Zeitmaschine in eine vortouristische und bitterarme alpine Wirklichkeit.

Auf der Etappe von der Chiaromontehütte nach Fondo, oberhalb des Aostatals, durchquert der Weg Cappia, ein Sommerdorf auf einer Hochfläche über der Chiusellaschlucht, gut 1600 Meter hoch: Es besteht aus fünfzehn Steinhäusern, von denen eines bewohnt zu sein scheint, denn auf der Steinterrasse davor gibt es einen Gemüsegarten mit blassem Lauch und unglaublich kleinen Radieschen. Außer den Türen und den Fensterläden ist hier alles aus Stein. Mit großen Steinplatten sind die Dächer gedeckt, die Hochspeicher voller Heu über den Schafställen aus hochkam gestellten Platten gebaut. Sogar die Bank vor dem Haus ist aus Stein. Die Grobheit und Härte des Materials verlangt die funktionalste, klarste Form — und die ist von eindrucksvoller Schönheit.

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