Erste Deutsche Kulturwoche in der Ukraine: nach der Unabhähgigkeitserklärung, vor der ersten freien Präsidentschaftswahl: ein Volk auf dem Weg zurück nach Europa. Celibidache und Fassbinder, Goethe für Tänzer. Mode mit Musik. Von Hans Magnus Enzensberger bis zum ukrainischen Nationaldichter Taras Schewtschenko. Unter den Pappeln von Kiew
Von Rolf Michaelis
Da ist er ja. Lebt also noch immer. Der gar nicht so alte Mann mit den langen Grauhaaren hält das Saiten Instrument mit dem auf einer Seite wie ein schwangerer Bauch sich wölbenden Holz an den Leib gepreßt. Er schlägt und zupft die Stahl Saiten der lauten- oder gitarreähnlichen Zither der ukrainischen Volksmusik, der Kobsa, die bei uns Bandura heißt.
Wenn er die alten Volkslieder der Ukraine singt, mit leiser Stimme die Helden Gesänge der Kosaken anstimmt, schließt er die Augen. So gleicht er dem Kobsar, wie ihn der ukrainische Nationaldichter Taras Grigorjewitsch Schewtschenko vor hundert Jahren in den Titel seines ersten, immer wieder erweiterten Bandes mit Liedern, Balladen, Verserzählungen stellt: „Wer kennt nicht den Bänkelsänger, Jenen alten Blinden, Der die Kobsa spielt? Man kann ihn Allerorten finden Wos nach Kiew geht, sitzt singend Ein Kobsar am Wege Still sitzt der Kobsar am Kreuzweg, Läßt die Saiten rauschen "
Unser Kobsar, dem es auf seinem stoffbezogenen Klappstühlchen an diesem Herbsttag doch etwas kühl wird, lehnt seine Folklore Leier an einen Baum, vertritt sich die Füße, pafft ein Zigarettchen. Wo sind wir da? Im mythischen Herzland der Russen, wie es ein Steindenkmal hier, auf dem Wladimir Hügel über dem Dnjepr, behauptet, oder auf einer Sightseeing Veranstaltung des Reise Unternehmens Intourist? Denn auch die Schulkinder, die hier oben, zwischen der in barockem Grün sich spreizenden Sankt Andreas Kirche und dem wie ein Bunker auf dem Berg hockenden Historischen Museum von Kiew, ihr Stündchen Heimatkunde absolvieren, starren den Bandura Spieler an wie ein Töne produzierendes Fossil. So wird es uns ein paar Tage lang immer wieder gehen: Kaum glaubt man in diesem nachbarlichen Land Boden unter den Füßen zu haben, sackt alles weg, und man fühlt sich versetzt in ein sehr fernes Land.
Ukrainische Sowjetrepublik: 603 Quadratkilometer (Frankreich: 551 Quadratkilometer). Einwohner: 52 2 Millionen (Frankreich 53). Hauptstadt: Kiew, 2 7 Millionen Einwohner. Drei Viertel sprechen Ukrainisch (was mehr ist als ein slawischer Dialekt) als Muttersprache, lernen Russisch als erste Fremdsprache. Ukrainische Sprache und Streben nach Unabhängigkeit waren bis in Breschnjews Tage verfolgt „Die Terrorwelle nach 1930 kostete etwa 200 ukrainische Dichter das Leben" (Kindlers Literatur Lexikon) „O Gott der Ukraine, höre! l Nimm du von uns die Schmach, die schwere, l Und laß zerschellen unsre Bande!" (Schewtschenko, „Hamalia", 1842). Da ist er ja. Munter wie stets unterhält sich unser deutscher Kobsar, Hans Magnus Enzensberger, mit Studenten der Germano Romanischen Fakultät der Staatlichen Universität Kiew, die Schewtschenkos Namen trägt. Eine strenge Germanistik Professorin, einen Dozenten der sich locker gebenden jüngeren Generation neben sich, beide perfekt Deutsch sprechend, stören Enzensberger überhaupt nicht. Lächelnd beginnt er den Flirt mit den in deutscher Sprache und Literatur Beflissenen, die seine Kinder sein könnten. Er vertraut Titeln von Gedichten, die er liest: „Über die Schwierigkeit der Umerziehung".
Als die Diskussion danach nicht so recht beginnen will, macht Professor Enzensberger seinen Zuhörern Mut: „Wenn Sie über andere Sachen reden wollen, reden wir über andere Sachen. Das geht ganz, wie Sie wollen Und schon kommen die Fragen, die bekannten — nach Vorbildern, Inspiration, Engagement, nach den „Idealen", die ukrainische, russische Dichtungsgläubige von einem Virtuosen der Sprache offensichtlich erwarten. Enzensberger skizziert sein Leben in Deutschland nach 1945. An dem in Kiew offensichtlich bewunderten Wirtschaftswunder, am „Steine aufheben und neue Häuser und Fabriken bauen", war ihm weniger gelegen: „Dafür war ich vielleicht schon verdorben durch mein langes Nachdenken. Ich habe darüber nachgedacht, wie es denn zu diesem Ende eines Reiches gekommen ist. Zehn Jahre lang habe ich, auf meine Weise, gesellschaftliche Müllabfuhr betrieben — und war dann ziemlich lang aus Deutschland fort.
Ich gehöre zu einer Generation, die sehr mißtrauisch geworden ist gegenüber allen Idealen, vor allem gegenüber denen, die Ideale predigen, selber aber nie danach handeln.
Aber, das muß man zugeben:
- Datum 01.11.1991 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 1.11.1991 Nr. 45
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