Drei Kühe hüten. Wie vergeht so der Tag? Das Geräusch des Grasrupfens, verbunden mit leisem Schnaufen – brave Tiere, wenn die ganze Welt so wäre, es gäbe keine Kriege mehr.

Das sieht man anders als Kind. „Ich führte“, erinnert sich die Hirtin der drei Kühe später, 1762, „in meiner rechten Hand einen Stab, und indem ich mit mir selbst redete, war ich das Haupt einer Armee! Alle Disteln waren meine Feinde, und mit kriegerischem Muth hieb ich allen die Köpfe ab.“ Martialische Freuden der Einsamkeit – das liest sich im „Anton Reiser“ nicht anders. Und dann, hier wie dort...: „saß ich an einem Herbsttag am Rande eines kleinen Flusses und ward jenseits des Wassers einen Knaben gewahr, welchen einige Hirtenkinder umgeben hatten. Er war ihr Vorleser, und ich flog hin, um die Zahl seiner Zuhörer zu vermehren. Welch ein Glück für mich! Ich nahm an den folgenden Tagen einen Umweg, trieb meine Rinder durch den Fluß, wo er am seichtesten war, und fand meine lang entbehrte Wonne, die Bücher wieder. Da waren Robinson, irrende Ritter, Gespräche im Reiche der Toten, o, da waren neue Welten für mich!“

Nein! Nicht Kühe hüten, nicht Kinder, nicht Männer. Sondern Armeen befehlen, herrschen, dichten. „Ist Sie die Poetin?“ wird sie 1763, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, von Friedrich dem Großen gefragt, dem ja weder die Existenz von deutschen Dichtern noch von Frauen über die unumgängliche Notwendigkeit hinaus einleuchtet, weshalb es auch so oder so eine ungeheure Ehre ist, im Marmorsaal von Sanssouci empfangen zu werden. Und sie, die Anna Louisa Karsch, geborene Dürbach, geschiedene Hirsekorn, sagt: „Ja.“

Ja, sie war die Poetin. Sie war es von Natur. Sie war es, obwohl es so schien, als ob das Schicksal sie bei ihrer Geburt – Dezember 1722 in irgendeinem schlesischen Nest – nur zur Hüterin und Dienerin bestimmt hatte. Doch die Natur überwand in ihr die Grenzen des Standes und des Geschlechts, sie allein war das Schicksal, wer konnte sie hemmen? Aus dem häßlichen Hirtlein wurde der Schwan, „Preußens Sappho“. Aus dem Stegreif knüpfte die Karschin Reime; ohne je eine Schule, geschweige denn eine Akademie von innen gesehen zu haben, fabrizierte sie Idyllen, Fabeln, anakreontische Basteleien – im Jahrhundert der Vernunft, der natürlichen Gesetze und der wundersamen Automaten nur ein weiterer Beweis für die Allmacht der Natur.

Ein viel bestauntes Fabeltier für die Berliner Salons – und doch war sie auf ihre Weise ein klein wenig Heldin auch in jenem kurzen Vorfrühling der Frauen-Emanzipation zur Mitte des 18. Jahrhunderts, sie, die als erste Frau in Friedrichs Preußen (schuldlos) geschieden und die ihrem zweiten Mann, dem Säufer Karsch, mit Mühe nur entkommen war. Von der Hirtin zu Poetin: Von ganz unten, aus dem vierten Stand, kam sie und gehörte doch auch zu jenen, die wie eine Sidonia Zäunemann, eine Charlo:te Unzer, wie die zehn Jahre ältere Gottschedin, zusammen mit den Männern ihrer Generation, mit Klopstock und Lessing und Ramler, Anspruch erhoben auf bürgerliche Wirksamkeit im Leben und eine neue Freiheit in der Kunst.

Es ging nicht gut. Spätestens als die Bürger die ganze Macht – wie in Paris – oder – wie östlich des Rheins – einen Zipfel davon errungen hatten, mußten die Bürgerinnen wieder zurück an den Herd; allenfalls ein bißchen Salon war ihnen eine Zeitlang noch verstattet. Jetzt wurden Mutterfreuden und Gattinnenpflichten propagiert, die lang schon drängende Hausvater-Ideologie triumphierte, und Iffland und Kotzebue errichteten in ihren Schauspielen schon dem faulen Familienfrieden des kommenden Jahrhunderts unablässig Ehrenpforten.

Im Werk der Karschin, in ihrem Mühen um Anerkennung, um Dazugehören, und in ihrem Beharren auf Unabhängigkeit zugleich spiegelt sich das Scheitern jenes ersten Versuchs wider, ein freies Bürgerinnenleben zu führen, sich herauszuarbeiten aus der selbstverschuldeten und der männlicherseits verordneten Unmündigkeit. Hier, immer einer kleinen Pension nachspähend, die Elogen auf Friedrichs Siege („O! laß Dein in der Schlacht nie wankend Knie umfassen, Du Ueberwinder!“) – dort das tiefempfundene „Gebet an den Mars“ („Du Gott des Krieges, laß die Erde! / Dein Schritt, mit Blut bemerkt, ist fürchterlich, ist schwer...“). Hier ein Fluch, über die „Heiligkeit der Ehe“ („Abscheulich war der Sclavenstand ... denn dieser Mann ... war meines Lebens Henker“) – dort die Empfehlung an die Tochter zum Hochzeitstage, sich dem Bräutigam stets artig nur zu nähern: „Frage seinen Blick um Rath; / Und Sein Augenwinken / Sey Dir ein Gesetz, als ob / Es vom Himmel käme.“

In ihrer lebenslangen Angst, wieder zurückkehren zu müssen zu den Kühen, in ihrem Kampf um ein bißchen bürgerliche Sicherheit, um ein Plätzchen auch auf dem Parnaß, wußte sie, der das Dichten Handwerk war, am Ende wohl selber nicht mehr so recht, wie fest sie ihrer Muse noch vertrauen durfte. Für die Dichterkollegen ihrer Generation blieb sie halb die personifizierte Bestätigung der eigenen Kunstregeln, halb amüsante Kuriosität; für die Jüngeren, die Stürmer und Dränger, für Herder, Goethe dann oder Gerstenberg, verwandelte sie sich in eine authentische Stimme des Volkes, in eine „wilde Blume“. „Schicken Sie mir doch“, bat Goethe herzlich, „was aus dem Stegreife, mir ist alles lieb und werth, was treu und stark aus dem Herzen kommt, mag’s übrigens aussehn wie ein Igel oder wie ein Amor.“

Im Oktober 1791 starb Anna Louisa Karsch; eine Ausstellung in der (West) Berliner Staatsbibliothek erinnert jetzt an ihr Leben, an ihre Igel und Amoretten, mit Handschriften, Briefen (ihre wunderbaren Briefe!), Erstausgaben und einer kleinen Galerie schöner Portraits aus dem Pantheon der deutschen Aufklärung, aus Gleims „Freundschaftstempel“ in Halberstadt. Eine vorzügliche Gelegenheit für eine „nicht nur dem Namen nach, sondern im Gemüth cultivirte deutsche Nachwelt“ (Herder), sie etwas näher kennenzulernen: die „Dichterin für Liebe, Brot und Vaterland“, die erste freie Schriftstellerin deutscher Sprache.

(Bis 16. November, Katalog 8,– DM)

Benedikt Erenz