Das Italien der Renaissance", so schreibt Fernand Braudel im Blick auf die Zeit um 1600, "hält sich wacker auf den Beinen, es lebt Dieses Lebewesen Italien, dieser Körper mit seinen kriegerischen Exzessen, sinnlichen Bedürfnissen und künstlerischen Meisterwerken ist das Thema dieses Buches. In der ihm eigentümlichen Mischung aus systematischer Skizze und impressionistischer Detailschilderung entwirft Braudel ein großartiges Tableau, das selbst wie ein Renaissance Gemälde zu betrachten und zu bewundern ist. Genaugenommen handelt es sich sogar um eine Folge von Bildern — ein, zwei, drei Italien —, die einander ablösen und aufeinander verweisen:

vom Untergang Konstantinopels und der Entdeckung Amerikas bis zur Gegenreformation und zum Aufstieg der nordeuropäischen Wirtschaftsmächte. Die Einheit des italienischen Raumes ist dabei zugleich geographisch gegeben und ein intellektuelles Konstrukt des Historikers, der alle Dimensionen der Geschichte wie in einem Film einzeln aufzeichnet, aber dann zusammenschneidet und für uns fast im Plauderton kommentiert. Seine liebste Technik ist die Überblendung: Aus einer Landschaft wird ein Körper, oder ein Interieur verwandelt sich in einen Menschen, der wiederum den Blick auf eine Palastanlage weiterlenkt. Braudels Darstellungskunst ist dabei um so eindrucksvoller, als er nie der Versuchung erliegt, einigen Lesern zuliebe auf analytische Fragen zugunsten der reinen Narration zu verzichten. Statt dessen nimmt er immer wieder Abstand, erwähnt Forschungsprobleme, erwägt alternative Interpretationen. Der Schriftsteller und der Fachgelehrte schreiben mit der gleichen, gut lesbaren Feder.

Braudels Essay ist ursprünglich Anfang der siebziger Jahre als Schlußbeitrag zu einer vielbändigen italienischen Geschichte entstanden.

Vor zwei Jahren erschien er erstmals auf französisch. Diese wunderschöne illustrierte Ausgabe, die dem ohnehin bildhaften Text eine zusätzliche Tiefendimension gibt, liegt nun auch auf deutsch vor.

Aber das Buch ist keineswegs eine müde Auftragsarbeit, vielmehr die engagierte Bilanz einer jahrzehntelangen Beschäftigung mit einem geliebten Land in seiner bedeutendsten Epoche. Wohl nur ein Franzose konnte dabei so unbefangen die Frage nach der historischen Grandeur Italiens aufwerfen und sogar eine Antwort wagen. Braudels provokante These lautet: Politische Größe und kulturelle Ausstrahlung sind keineswegs identisch, sondern bedingen einander — und zwar negativ. So war die Blütezeit der Renaissance mit dem politischen Scheitern der italienischen Staatenwelt verknüpft "Mindestens zweimal hat sich die Nacht über Italien gesenkt, einmal um 1450, einmal um 1600, und beide Male erstrahlte der Himmel über ganz Europa vom Glanz der Halbinsel "

Ein glanzvoller, atemberaubender Bildband also, ein visueller und intellektueller Genuß.

Aus dem Französischen von Gerda Kurz und Siglinde Summerer; Klett Cotta Verlag, Stuttgart 1991; 245 S , DM