Der Streit um die Abtreibungspille RU 486 verzögert die Zulassung

Von Hans Harald Bräutigam

Um eine kleine weiße Pille ist ein trickreiches und listiges Verwirrspiel entbrannt, an dem sich Wissenschaftler, Pharmahersteller und seit neuestem auch Politiker beteiligen. Die Rede ist von dem kompliziert wirkenden Hormonpräparat Mifepriston, mit dem, neben der Behandlung gynäkologischer Erkrankungen, auch die Ablösung einer bis zu acht Wochen alten Schwangerschaft aus der Gebärmutter möglich ist.

Die Pille ist dem außergewöhnlichen Forschungserfolg von Etienne-Emile Baulieu vom Nationalen Institut für Gesundheit und Medizinische Forschung (INSERM) in Paris zu verdanken. Sie heißt RU 486, weil sie in den Laboratorien der französischen Hoechst-Tochter Roussel-Uclaf in Paris hergestellt wird.

Dieses Präparat ist nicht neu. Schon vor zwei Jahren berichteten wir darüber (ZEIT Nr. 50 vom 8. Dezember 1989). Mittlerweile sind in einer peinlich genau kontrollierten klinischen Studie in ausgewählten französischen Krankenhäusern bei fast 100 000 Frauen Schwangerschaften bis zur achten Woche mit RU 486 beendet worden. Nebenwirkungen, die nicht immer vermeidbaren Begleiter der beabsichtigten Hauptwirkung eines Medikamentes, sind so selten und zumeist so banal, daß die Weltgesundheitsbehörde jetzt den Einsatz von RU 486, kombiniert mit Misoprostol, einem Medikament zur Beschleunigung des Fruchtabganges, für die Anwendung unter den ungünstigeren Versorgungsbedingungen in der Dritten Welt erwägt.

Dort nämlich ist die Sterblichkeit bei Abtreibungen gewaltig hoch. Daran hat erst kürzlich wieder der Gynäkologieprofessor S. Ratnam aus Singapur auf einem internationalen Gynäkologenkongreß erinnert: 200 000 Frauen würden jährlich einer Abtreibung zum Opfer fallen. Die auf derselben wissenschaftlichen Veranstaltung erhobene Forderung Etienne-Emile Baulieus, doch endlich RU 486 allen Frauen und ihren Ärzten als eine zusätzliche und schonendere Möglichkeit legaler, früher Schwangerschaftsabbrüche zur Verfügung zu stellen, löste bei uns leider nur Deklamationen und Erklärungen, aber keine Taten aus.

Die Konferenz der Gesundheitsminister der Bundesländer hat am 28. Oktober die Prüfung von RU 486 zum medikamentösen Schwangerschaftsabbruch gefordert. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth glaubt nicht, daß wir uns „von der Entwicklung in anderen Ländern abschotten können“, und wies darauf hin, daß sich mittlerweile auch England für die Zulassung der Pille ausgesprochen habe.

Überprüfung abgeschlossen

Die Dienstherrin des Bundesgesundheitsamtes, das über die Zulassung des Präparates entscheidet, Bundesministerin Gerda Hasselfeldt (CSU), „will die letzte sein, die sich gegen die Pille stellt“. Aber, so teilt Frau Hasselfeldt der ZEIT auf Anfrage mit: „Die Zulassung des Präparates kann ich, anders als mein französischer Kollege, nicht erzwingen. Eine dringliche ärztliche Notwendigkeit besteht aber für die Abtreibungspille nicht, denn andere Methoden gibt es ja auch.“

Herbert Werner, CDU-Abgeordneter, ist gegen die Pille, weil durch sie die „Hemmschwelle für Abtreibungen“ sinke. Überhaupt ist die Koalition der Pillenbefürworter und Gegner bunt: So ist Sylvia Groth vom Feministischen Gesundheitszentrum in Berlin mit einigen CDU/CSU-Abgeordneten auch aus medizinischen Gründen dagegen. Der Hormoncocktail könne unbekannte Langzeitfolgen haben, fürchtet sie. Worin diese bestehen könnten, wird allerdings nicht verraten. Ärztekammerpräsident Karsten Vilmar ist für die Pille. Er sagt: „Unter kontrollierter ärztlicher Anwendung“ – wie während der Erprobungsphase in Frankreich – „könnten nicht vollständig kalkulierbare Risiken ausgeschlossen werden.“ Karsten Vilmar weiß, wovon er spricht, weil er die frühen und späten Komplikationen (zwischen zwei und vier Prozent) des legalen Schwangerschaftsabbruches mit den bei uns zugelassenen Methoden der Absaugung nach Erweiterung des Gebärmutterhalskanales aus den amtlichen Bundesstatistiken und den Berichten seiner ärztlichen Kollegen kennt.

Das Wirkprinzip des von Etienne-Emile Baulieu entwickelten antigestagenen Hormons ahmt natürliche Vorgänge nach. Zu den häufigen sogenannten spontanen, also nicht eingeleiteten Fehlgeburten kommt es dann, wenn das Schwangerschaftsschutzhormon Progesteron aus irgendeinem Grund fehlt oder nur mangelhaft vom Organismus der Frau produziert wird. Progesteron, anfänglich vom Eierstock produziert, ist für die Einbettung der befruchteten Eizelle in die Gebärmutterwand verantwortlich. Hierzu verbindet sich das Hormon mit Hilfe eines Rezeptors mit den Zellen der Gebärmuttermuskulatur. Etienne-Emile Baulieu hat das Antigestagen entwickelt, das den Rezeptor besetzt und damit die Bildung von Progesteron verhindert. Für die Behandlung der häufigen, durch Progesteron vermittelten Schleimhautwucherung (Endometriose) ist RU 486 daher ebenso geeignet wie für die Ablösung der frühen Schwangerschaft aus der Gebärmutterwand.

Die notwendige zuverlässige Überprüfung eines neuen Medikamentes ist im Falle von RU 486 längst abgeschlossen. Die Franzosen haben umfangreiche Erfahrungen gesammelt, die sich jetzt England und skandinavische Staaten zunutze machen wollen. In der Volksrepublik China gibt es das Präparat schon seit langem.

Der gesetzlich vorgeschriebenen Zulassung durch das Berliner Bundesgesundheitsamt oder der im Hinblick auf den gemeinsamen europäischen Markt auch möglichen Registrierung bei dem Europäischen Arzneimittelamt in Brüssel stünde nichts mehr im Wege, wenn der Arzneimittelhersteller, präziser gesagt, derjenige, der das Präparat in den Handel bringen will, die Zulassung beantragt. Und hier liegt das Problem;

Weder Gesundheitsminister noch Berufsorganisationen wie Ärztekammer oder Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie können bei uns die Zulassung beantragen, denn ihnen gehört ja RU 486 nicht. Deshalb muß die Muttergesellschaft Hoechst beim Bundesgesundheitsamt in Berlin den Antrag auf Zulassung ihres Präparates stellen. Hoechst aber will nicht. Roussel hat schon einmal das Präparat für die klinische Prüfung freigegeben, um es dann vier Wochen später unter dem Druck der französischen Bischöfe wieder zurückzuziehen. Diesen Beschluß hob der Gesundheitsminister Claude Evin wenige Tage später auf und ordnete die Produktion von RU 486 an. „Die Pille“, so befand er, sei „das moralische Eigentum der Frau.“

Der Hoechst-Vorstand Wolfgang Hilger hat am 4. Juni auf der Hauptversammlung seiner Aktiengesellschaft (zu der ja auch Roussel-Uclaf gehört) erklärt, daß es in Deutschland, anders als in Frankreich, keinen gesellschaftlichen Konsens um den Abtreibungsparagraphen 218 gäbe. Daher stünde die Zulassung bei uns „überhaupt nicht zur Debatte“. Nun ist weder in Deutschland noch in Frankreich der legale Schwangerschaftsabbruch unumstritten. In beiden Staaten gibt es aber gesetzliche Bestimmungen, die den Eingriff regeln. In Frankreich darf eine Schwangerschaft bis zur zehnten Woche beendet werden, wenn die Frau es will.

Sicherer als die alte Methode

Abbrüche im Hinterzimmer mit dem Medikament aus der Apotheke gibt es in Frankreich nicht. Auch bei uns, so erklären Ärzte, würden Eingriffe nur in bestimmten zugelassenen Einrichtungen vorgenommen. Das ist nach dem Paragraphen 28 des Arzneimittelgesetzes durchaus möglich. Die vornehmlich von CDU-Politikern geäußerte Befürchtung, mit der Zulassung sei eine beliebige Verfügbarkeit des Präparates verbunden, trifft nicht zu. Es ist wohl auch mehr pure Schutzbehauptung, um untätig bleiben zu können.

Aber darum geht es ja in dem Verwirrspiel über die Zulassung von RU 486 gar nicht. Bei der Einführung medizinischer Präparate stehen ärztliche Erwägungen im Mittelpunkt. Da geht es beispielsweise um die Frage, ob ein Medikament nötig und seine Verwendung ausreichend sicher ist. Beides ist im Fall von RU 486 zu bejahen. Nach allen ärztlichen Berichten und den Beobachtungen von Fachleuten ist der Schwangerschaftsabbruch mit RU 486 noch sicherer und ungefährlicher als ein Abbruch nach der Absaugmethode zu einem möglichst frühen Zeitpunkt der Schwangerschaft. Mit der Einführung von RU486 würde ja der Paragraph 218 des Strafgesetzbuches nicht außer Kraft gesetzt, wenn das Mittel nur auf ärztliche Verschreibung eingesetzt und seine Wirkung von zugelassenen Ärzten begleitet wird. Das technische Gerät für die Absaugung der Gebärmutter wird ja von den Geräteherstellern auch ausgeliefert.

Allerdings: RU 486 kann nur bis zur achten Schwangerschaftswoche eingesetzt werden; insofern bedarf es einer liberalen gesetzlichen Regelung der Abtreibung, die Frauen nicht zum komplizierten, langwierigen und oft demütigenden Hürdenlauf zwingt.

Spielen vielleicht noch andere Erwägungen bei den für den Antrag auf Zulassung Verantwortlichen eine Rolle? Der im Grunde feindselige Gedanke, daß Frauen leichtfertig abtreiben würden, scheint in Vorstandsetagen und bei manchen Politikern unausrottbar zu sein. Sie ignorieren die Statistiken und Untersuchungen über die Häufigkeit von Schwangerschaftsabbrüchen und ihre Motive. Denn mittlerweile ist völlig klar: Paragraphen und medizinische Bedingungen haben keinen Einfluß auf die Zahl der Abtreibungen – wohl aber Aufklärung und freier Zugang zu Verhütungsmitteln und sinnvolle Sozialpolitik.