Von Hans-Christoph Blumenberg

Vor Rehen wird gewarnt. Sie haben große Augen und schmale Taillen. Sie sehen schutzlos und zerbrechlich aus, aber wenn es ihnen gefällt, verwandeln sie grundsolide ältere Herren mit einem einzigen Blick in liebeskranke Jünglinge. Sie wissen, daß ihnen Weiß am besten steht, denn machtvoll zieht es sie zum Traualtar. Aber natürlich haben sie längst gelernt, ihre wirklichen Absichten kunstvoll zu verschleiern. So zieren schwarze Applikationen das Abendkleid aus feinstem Organdy. Noch mag sich die Braut als solche nicht zu erkennen geben. Allerlei Blüten ranken sich an der schlanken Gestalt empor, lenken den männlichen Blick diskret zum zarten Rücken-Dekollete, zu den entblößten Armen, die immer einen festen Halt zu suchen scheinen.

Solche Roben sind unwiderstehliche Waffen. Und niemand weiß sie zu tragen wie Sabrina Fairchild, die Tochter des Chauffeurs. Ihr Weg führt unbeirrt nach oben. Wenn der reiche Playboy nicht zu haben ist, tut es sein älterer Bruder zur Not eben auch. Der weiß nie so recht, wie ihm geschieht. Bei einer Lauren Bacall konnte er sich sicher fühlen, einer energischen Elfe bleibt er unterlegen. In Billy Wilders Komödie „Sabrina“ (1953) angelt sich Audrey Hepburn den mißgelaunten Humphrey Bogart. Zur Strategie der Verführung gehört das Kleid aus Paris: eine sanfte Falle für den Misanthropen.

Ein echtes Haute-Couture-Modell mußte es sein. Eigentlich hätte sich Miss Hepburn mit einer Kreation der Paramount-Kostümabteilung bescheiden müssen, aber sie bestand hartnäckig auf einem französischen Original. Und der Star wußte auch ganz genau, wer das Gewand entwerfen sollte: der jüngste, der eleganteste, der aufregendste unter den Pariser Couturiers – Hubert de Givenchy. Der hatte sein Atelier erst ein Jahr zuvor eröffnet und war doppelt überrascht, als ihm Anfang 1953 der Besuch einer amerikanischen Schauspielerin namens Hepburn annonciert wurde. Noch längst hatte er nicht den Ruf eines Christian Dior, eines Pierre Balmain oder eines Cristobal Balenciaga. Warum also sollte sich Katharine Hepburn – ohnehin nicht eben berühmt für ihren Modesinn – ausgerechnet an ihn wenden? Aber dann betrat Audrey das Haus Givenchy. Und so begann eine intime Beziehung zwischen Schauspielerin und Modeschöpfer, wie es sie in der Geschichte des Kinos sonst nie gegeben hat.

Fast vierzig Jahre nach der ersten Begegnung schrieb Audrey Hepburn jetzt einen Text zur großen Givenchy-Ausstellung im Pariser Modemuseum im Palais Galliera: „Schon immer hat er mich in sein Talent gehüllt und mich mit seiner Zärtlichkeit genährt. Wie glücklich bin ich über die Gelegenheit, Hubert de Givenchy zu ehren, den Künstler und Freund.“ Der poetische Überschwang hat seine guten Gründe: Für alle klassischen Audrey-Hepburn-Filme hat Givenchy die Kostüme entworfen, von „Sabrina“ bis „Charade“, von „Funny Face“ bis „Frühstück bei Tiffany“. Aber auch später, als Audrey sich vom Kino weitgehend zurückgezogen hatte, blieb sie Givenchy treu. Kein Auftritt als Unesco-Botschafterin ohne ein Modell vom „lieben Hubert“, kein gelegentlicher Flirt mit anderen Couturiers.

Nur Marlene Dietrich, schreibt Edith Head, die langjährige Chef-Designerin der Paramount, in ihrem Erinnerungsbuch „The Dress Doctor“, verstand so viel von Mode wie Audrey Hepburn. Früher als die meisten professionellen Beobachter der Couture-Szene sah die junge Schauspielerin das Talent von Hubert James Taffin de Givenchy, der nach Lehrjahren bei Jacques Fath, Lucien Lelung und Elsa Schiaparelli am 2. Februar 1952 seine erste eigene Kollektion vorstellte. Anders als Dior, der seine Kundinnen ohne Rücksicht auf die weibliche Anatomie in die Rüstungen des new look steckte, anders als Balmain, dessen Idealbild der jolie madame stets ein. wenig altmodisch wirkte, setzte Givenchy von Anfang an auf eine neue Schlichtheit. Er liebte weiche, fließende Linien, diskrete Farben, luftige Schnitte. Mit Givenchy kam ein jugendlicher Ton in die Mode.

Niemand wußte Givenchys Kleider so zu tragen wie Audrey Hepburn. In den Fünfzigern, als Paris noch die Traumstadt des amerikanischen Kinos war und die Liebe ein. Spiel ohne Verlierer, ahnte Cinderella nichts vom Morgen danach. Der Tanz schien nie zu enden. Audrey bekam immer den Prinzen, auch wenn der leicht ihr Vater hätte sein können: Gary Cooper in Billy Wilders „Ariane – Love in the Afternoon“ (1957), Fred Astaire in Stanley Donens „Funny Face“ (1957), Cary Grant in Donens „Charade“ (1963).