Von Eckhard Roelcke

Orchestermusiker arbeiten in einem undemokratischen System. Sie müssen Werke aufführen, die ihnen die Intendanten und Veranstalter vorschreiben; sie müssen die Noten spielen, die der Komponist aufgeschrieben hat; sie müssen dem Dirigenten gehorchen, der das Tempo vorgibt, die Dynamik, die Phrasierung. Und sie müssen auch noch ihrem Stimmführer folgen, der die Instrumentengruppe leitet und die technischen Details festlegt: hier ein Aufstrich, dort ein Abstrich. Der normale Orchestermusiker ist ein „Wasserträger“. Er darf nur im Tutti spielen, und er darf dabei nicht auffallen. Er ist dann gut, wenn er keine musikalische Individualität hat.

Wenn der Orchestermusiker nach einem nervenaufreibenden Probespiel in einem großen bundesdeutschen Sinfonieorchester engagiert wird, ist die Welt für ihn äußerlich allerdings in Ordnung: Der verbeamtete Musiker in der verbeamteten Welt macht dann oft keine Musik mehr, sondern lediglich Dienst. Er hat die Gewerkschaften auf seiner Seite und weiß genau, wie lange die Proben dauern. Und er pocht auf Pünktlichkeit – die kleine Macht des Orchestermusikers.

John Cage hat für den jungen Cellisten Michael Bach ein Cellokonzert komponiert, und er hat – nicht zum erstenmal – die Orchestermusiker zumindest ein bißchen befreit. Denn sie dürfen innerhalb eines genau bestimmten musikalischen Abschnittes selbst entscheiden, wann sie „ihre“ Töne spielen. Sie können aufeinander reagieren: etwa ein zweiter Geiger am fünften Pult auf die erste Posaune, der Konzertmeister auf den Bratscher am letzten Pult. Die Töne sind zwar definiert, die kurzen sollen laut gespielt werden, die langen leise, aber kein Dirigent steht vorne und gibt Einsätze. Die Musiker schauen statt dessen auf Monitore, auf dem sie ablesen können, wie „alt“ ein musikalischer Abschnitt schon ist. Und sie wissen, wieviel Zeit ihnen noch bleibt für die Töne, die sie in diesem definierten Zeit-Raum zu spielen haben.

Fünfundvierzig Minuten dauert John Cages Komposition „ONE8 and 108“, die jetzt in Stuttgart von Michael Bach und dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart uraufgeführt wurde. Ein Werk, das von weiten, „epischen“ Piano-Klangfeldern geprägt wird; von kurzen Farb-Tupfern der „befreiten“ Orchestermusiker, die diese Felder immer wieder selbstbestimmt (und in jeder Aufführung neu) kolorieren; von unmerklichen Bewegungen innerhalb des wie statisch wirkenden Klangs. Aber dieses Stück ist nicht so kalkuliert-ausgetüftelt, wie das zum Beispiel György Ligeti in seinen Klangfarben-Kompositionen gemacht hat. Vieles in dem Cellokonzert beruht auf Zufall und wurde von Cage auch mit Hilfe von Zufallsoperationen festgelegt. Trotzdem ist die Auswahl, die Cage den Musikern anbietet, begrenzt. Das Cellokonzert wird immer weit und episch klingen.

Nicht jeder der 108 Musiker (die Zahl erklärt teilweise den rätselhaften Titel des Konzerts) des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart konnte mit dem von Cage komponierten Zwang zur Freiheit etwas anfangen. Manche spielten nur einen „physikalischen“ Ton, sie lieferten ihn ab. Bei anderen wiederum klingt der Ton, den sie zu der ruhigen, silbrig-flirrenden Musik spielen, fast wie eine Kantilene – warm und voller Leben. Da kann man zum Beispiel einen ersten Geiger an einem der hinteren Pulte hören, und in „seinem“ Ton, der weich einschwingt und kurz ausschwingt, scheint die gesamte Musikgeschichte zu kulminieren. So einfach ist das, so wohltuend weit entfernt von jeder überladenen Begrifflichkeit. Man muß nur offen sein, sich einlassen – und daran glauben. Wer das nicht tut oder nicht kann, für den ist diese Freiheit nur eine Schein-Freiheit.

Dies allerdings ist eine Klippe, an der viele Aufführungen von John Cage nicht vorbeikommen, besonders dann, wenn ein Sinfonieorchester daran beteiligt ist. Ein Kammerensemble spielt ein Werk aus Überzeugung und mit einer gleichen „Wellenlänge“. Ein Orchester mit mehr als hundert Musikern wird aber wohl nie die notwendige einheitliche Einstellung einer solchen „transzendierenden“ Musik gegenüber haben. So gab es denn auch in der Uraufführung (und in der Generalprobe) manchmal Momente, manchmal auch mehrere Minuten, die spannend waren, weil sie so entspannend waren. Und dazwischen immer wieder Abschnitte, wo man von der Bühne nur irgend etwas Akustisches hörte. In solchen Augenblicken wurde der schreckliche „Saal Straßburg“ der Stuttgarter Messe auf dem Killesberg noch schrecklicher, noch anonymer. Plötzlich war die unprätentiöse, kalifornische Kunst von John Cage völlig verloren in einer Umgebung, in der die umtriebigen Schwaben sich um ihre wirtschaftliche Potenz kümmern. Die Messehallen auf dem Killesberg mögen für Parteitage und Jahreshauptversammlungen geeignet sein, für Konzerte jedoch nicht.