Höhere Preise, aber die Regale bleiben leer – nun droht Rußland auch noch Massenarbeitslosigkeit

Von Maria Huber

Die erste Lektion in der Marktwirtschaft klingt für die meisten Russen ebenso simpel wie schauderhaft. Nicht mehr die Richtlinien des Staates entscheiden über die Preise, sondern Angebot und Nachfrage. Seit dem 2. Januar existiert das alte sozialistische Preissystem nicht mehr, die Wohnungsmieten ausgenommen.

Wie hart trifft es den einzelnen? „Das hängt auch vom Körpergewicht ab“, sagt Tamara leicht ironisch. „Wir sind zum Glück keine großen Esser“, lächelt die kleine, vollschlanke Hausfrau: „Meine Mutter – sie ist eine einfache Rentnerin – kocht sich gute Fleischsuppen mit Gemüse, mehr ißt sie kaum.“ Die Mutter ihrer Freundin Natascha esse dagegen dreimal am Tag ein reichliches Menü, obwohl sie mit ihrem Geld nicht auskomme. Dick seien viele Russen nicht nur, weil sie – teils aus Armut, teils aus Gewohnheit – zu viel Brot und Zucker äßen, beteuert Tamara, sondern auch, weil sie unglaubliche Mengen verschlängen. „Noch kauft fast jeder selbst die teuerste Wurst im Stück und kiloweise. Mit den neuen Preisen wird man wohl das Abschneiden wieder lernen müssen – vorausgesetzt, es kommen nun wirklich wieder regelmäßig Lebensmittel in die Geschäfte.“

Das ist das Ziel der Preisfreigabe. Ein Gleichgewicht zu schaffen zwischen Angebot und Nachfrage ist in der katastrophalen Versorgungslage das oberste Gebot für Jegor Gajdar, den jungen Super-Wirtschaftsminister der russischen Regierung. Er hat sich entschieden, den orthodoxen Stabilisierungsmethoden von Weltbank und Internationalem Währungsfonds zu folgen. Auf den Schreibtischen hoher russischer Regierungsbeamten liegen zwar dicke Dossiers mit alternativen Konzepten, die als ersten Schritt eine Währungsreform vorsehen. Doch im Wettbewerb der Wunderheiler, die das Weiße Haus an der Moskwa belagern, hat vorerst der Jet-set-Optimismus des Harvard-Ökonomen Jeffrey Sachs gesiegt. Seine Schocktherapie hat in Polen zwar keinen nachhaltigen Erfolg gezeigt, und sie ist außerdem auf Rußland kaum übertragbar, wo der Kommunismus anders als in Polen den Privatsektor vollkommen vernichtete. Doch für langfristige Vergleiche und Perspektiven fehlen den Politikern unter dem ständigen Handlungszwang Kraft und Zeit.

Mißliche Lage

So mangelt es im In- und Ausland nicht an Einwänden gegen den Kurs von Staatspräsident Boris Jelzin. Doch die meiste Kritik ist billig oder befangen: Die Gefahr von Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit und weiterem Produktionsrückgang ist sehr real, aber sie wurde nicht von Jelzin ausgelöst, sondern von Gorbatschow hinterlassen. Was soll der Vorwurf, Jelzin habe keinen umfassenden Stufenplan für die Reformen? Gorbatschow hat endlos an Reformplänen gebastelt – zuletzt in völliger Eintracht mit den Gegnern der Marktwirtschaft. Es war der Präsident der Sowjetunion, der die Finanzierung des Unionshaushalts über die Notenpresse voll deckte. Unter Gorbatschows Führung verdoppelte sich 1991 die Geldmenge. Es ist noch keineswegs ausgemacht, ob Gorbatschow nicht eines Tages dafür zur Verantwortung gezogen wird.