Nürnberg

Der 1. FC hat schon viele schöne Eigentore geschossen. Doch das vermutlich schönste gelang ihm vor kurzem nicht auf dem grünen Rasen, sondern am grünen Tisch. Und das Mißgeschick unterlief nicht etwa einem überforderten Abwehrspieler, der nicht mehr wußte, wohin mit dem Ball, sondern der Vereinsführung höchstselbst.

Denn sie hat, offenbar von allen guten Geistern verlassen, in der Bilanz für das Spieljahr 1990/91 bei dem Posten „Schiedsrichterbetreuung“ die schier unglaubliche Summe von 174 000 Mark ausgewiesen. Bei den siebzehn Heimspielen, die in jener Saison zu absolvieren waren, würde das bedeuten, daß jeder Schiedsrichter in Nürnberg mit rund 10 000 Mark „betreut“ wurde. Weil das aber für eine Nettoarbeitszeit von neunzig Minuten doch ein bißchen viel gewesen wäre, unterbrach der Deutsche Fußball-Bund (DFB) an dieser Stelle das Spiel und ließ sich die Abrechnungsunterlagen aus Nürnberg schicken.

Üblich sind lediglich 36 532 Mark, die sogenannte Schiedsrichterumlage, in der bereits alle Reisekosten sowie Übernachtung und Spesen enthalten sind und die jeder Bundesliga-Verein an den DFB zu zahlen hat. Groteskerweise ist jedoch gerade diese Umlage in den 174 000 Mark aus Nürnberg nur zum Teil enthalten. Was hat der „Club“ also den Herren in Schwarz zukommen lassen? Eine spekulationsträchtige Frage, die die ganze Liga während der Winterpause beschäftigt und die fast so unterhaltsam ist wie das Spiel selbst. Ist etwa der für Nürnberger Verhältnisse ungewöhnlich gute sechste Tabellenplatz, auf dem die Mannschaft zur Zeit steht, eine Folge gewisser Aufmerksamkeiten und Geschenke an die Schiedsrichter – vom Massageöl bis zum Hometrainer? Wenn aber nicht, wie aus Kreisen der Referees und vom DFB eifrigst beteuert wird – wieso wirft dann der tief verschuldete FCN, der zur Zeit nicht einmal seine Stadionmiete an die Stadt zahlen kann, sein Geld derartig aus dem Fenster?

Als dann auch noch bekannt wurde, daß sogar nach Niederlagen größere Pakete aus Nürnberg bei den Heimatadressen der Unparteiischen eingingen, fragte sich mancher „Club“-Fan verzweifelt, ob da nicht jemand den Überblick verloren hatte in seinem Verein. Zumal das Präsidium nach dem Querschläger im eigenen Strafraum auf Tauchstation gegangen ist und nur noch gelegentlich etwas von „entlastendem Material“ murmelt, ohne dieses jedoch auf den Tisch zu legen.

Peinlich ist das Nürnberger Bubenstück aber auch dem DFB. Plötzlich steht die Neutralität und Unbestechlichkeit seiner Schiedsrichter auf dem Spiel. So beeilte sich der Deutsche Fußball-Bund zu erklären, in Nürnberg sei alles mit rechten Dingen zugegangen – zumindest auf dem Spielfeld. Was außerhalb geschah, wird noch geprüft. Und da ist es in der Branche kein Geheimnis, daß die Herren Spielleiter nach ihren Einsätzen nicht nur einen freundlichen Händedruck des Präsidenten bekommen. Hans Ebersberger, Schiedsrichter-Lehrwart des DFB, hält sogar die zusätzlichen 30 000 Mark, mit denen die Vereine gemeinhin die DFB-Umlage aufstocken, nicht für ehrenrührig. Der Nürnberger Betrag allerdings erscheint Ebersberger „um wenigstens 100 000 Mark überzogen“. Das ginge über das Maß dessen, was der nette ältere Herr als „Erinnerungsgeschenke“ („ein Bierseidel mit dem Vereins- oder Stadtwappen“) für vertretbar hält, doch weit hinaus. Üblich ist dagegen durchaus, daß der Mann mit der Pfeife, oft auch seine Gattin, zu einem ausgedehnten Abendessen eingeladen wird. Vom Karlsruher SC erzählt man sich in diesem Zusammenhang, daß dafür schon mal eine vierstellige Summe abgerechnet wird. Und in Nürnberg wurde dem Schiedsrichter, wenn er tags darauf wieder abreiste, gerne eine vollbepackte Sporttasche ans Auto gebracht. Kleine Geschenke erhalten eben die Freundschaft, in der Rückrunde sieht man sich wieder.

Ganz gleich, was bei diesen Abschieden an der Autotür den Besitzer wechselte – erst mal stehen auch die Schiedsrichter ein paar Schritte im Abseits. Einer der prominentesten, Manfred Neuner, hat denn auch schon in spürbarer Selbstzerknirschung der Süddeutschen Zeitung gebeichtet, daß er und seine Kollegen „Fehler“ gemacht hätten: „Das war nicht richtig, wir hätten die Geschenke nicht annehmen dürfen.“ Besonders was die fränkische Versuchung betrifft, meint Neuner, „wir hätten schon Laut geben müssen, aber wir sind auch nur Menschen“. Im einzelnen sind die Geschenke, die Herr Neuner dann aufzählt, freilich eher rührend und kaum noch zur Bestechung geeignet: In Nürnberg habe er einen Diaprojektor für 168 Mark bekommen, außerdem Fitneßgel, Öl, einen Pokal mit Gravierung, einen Vereinswimpel; in Leverkusen einen Rasierapparat; in Bochum eine Armbanduhr – und immer wieder Sportkleidung, für drinnen und draußen. Das ominöse Kuvert auf dem Hotelzimmer, angefüllt mit größeren Scheinen, hat Manfred Neuner dagegen nie vorgefunden: „Das erlaubt sich keiner.“