ModelleisenbahnMehr als ein Oval mit Gipsberg

Erwachsene und das Spielzeug ihrer Kindheit von Olaf Grevc

Von Olaf Greve

Meine Güte, ist die schnell.“ Die neurote „V212“ rast mit drei Güterwagen im Schlepp durch das flache Land des Eßtisches, Runde um Runde. In Tischhöhe verfolgen drei Augenpaare den Zug. „Mach doch mal langsamer, so schnell kann die in Wirklichkeit auch nicht fahren.“ Ein kurzer Dreh am Trafo, und die Lok zockelt gemütlicher durch ihr Oval. Irgendwann an diesem Abend wird sie auf ihr Abstellgleis fahren und dort bis zum ersten Weihnachtstag verschnaufen. Was ihr fehlt, ist ein Bahnhof, eine Güterstation, ein Start- und ein Zielpunkt. So fing es an.

Meine Frau hatte mir eine Eisenbahn geschenkt, eine sogenannte Startpackung, und damit für die Überraschung des Jahres gesorgt. Ich hatte ihr davon erzählt, daß ich damals mit sechzehn Jahren meine Kleinspurbahn aufgegeben hatte. Monatelang war sie von mir nicht benutzt worden, so daß mein Vater sie kurzerhand verkaufte. Zu Recht? Sie machte mir keine Freude mehr, richtig. Das Bauen an der Anlage hatte mir am meisten Spaß gemacht, aber es war viel zu schnell vorbei, weil mir Ideen und handwerkliche Fähigkeiten fehlten. Und auch das Geld. Somit konnte ich auch den Fahrbetrieb nicht ausdehnen. Die Kataloge der Hersteller weckten nur Begehrlichkeit in mir, in meinem Kopf hatte ich kühne Pläne mit TEE-Zügen und großen Stellwerken, auf der Platte in meinem Zimmer aber nur zwei Ovale mit Gipsberg. Und heute?

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Der Bahnhof „Neuffen“ war schnell zusammengeklebt, einige Weichen nachgekauft, um ein Ladegleis zu bauen. Nun umfuhr der Zug bereits zwei Ovale und hatte einen Bahnhof mit Bahnsteig und einen Platz zum Beladen. Dazu bastelte ich, so wie damals mit sechzehn, einen Berg aus Gips. Der Zug konnte nun wahlweise obendrüber fahren oder durch einen Tunnel, immerhin. Für eine weitergehende Landschaftsgestaltung fehlte mir der Mut, denn irgend etwas stimmte nicht mit der Trassenführung. Abgesehen davon, daß die Gleise nicht hundertprozentig zusammenpaßten, die Symmetrie also nicht präzise war, war es wie in der Kinderzeit: Ich konnte den Zug beständig im Kreis herumfahren lassen und unterdessen den Abwasch erledigen oder Spazierengehen. Dem Ganzen fehlte die Geschichte, das Drehbuch.

Also baute ich die Platte wieder ab und begann zu lesen. Ich erkannte, daß Züge nie nur im Kreis herumfahren, sondern immer von A nach B und wieder zurück. Außerdem erfuhr ich, daß Lokomotiven versorgt werden müssen, zum Beispiel mit Kohlen und Wasser oder mit Dieseltreibstoff. Ich begann also mit dem Bau einer An-der-Wandentlang-Anlage, wie ich es nannte. Zunächst baute ich den Bahnhof, zwei Bahnsteige sowie eine Fabrik und alles möglichst mit geringem Aufwand. Im Spielwarenladen hörte ich jemanden sagen, er wolle im Winter seine Gleise braun streichen. Ich lachte: „Tja, wenn man sonst nichts zu tun hat.“ Ich konnte ja nicht ahnen, was auf mich zukommen sollte.

Zuerst einmal machte ich den Fehler, mir eine Modellbahnzeitschrift zu kaufen und die dort abgebildeten Bahnhöfe genauer anzusehen. Ich bekam ein Auge für Details. Die Volkshochschule bot ein Seminar für Modellbauer an, ich ging hin. Hier entstand ein erster Streckenmodus, vor allem aber wurde das Auge für Details weiter geschärft. Telegraphenmasten, eine kleine Bachüberführung, eine Sitzbank und ein Acker aus Kaffeeprütt sowie Bäume, Wiesen und eine nicht elektrifizierte Nebenstrecke, sanft geschwungen. Ich war begeistert und hatte viel gelernt. Wieder zu Hause, baute ich meinen Bahnhof wieder ab, er schien mir zuwenig durchdacht. Ich entwarf weitere Streckenpläne und versuchte, die Szenerie in den sechziger Jahren anzusiedeln, wenn ich Autos oder Werbeschilder anbrachte. Gab es damals schon Leitplanken? Wie sahen die Signale aus? Wie die Andreaskreuze? Jetzt erschien mir das Ansinnen des Mannes aus dem Spielwarenladen plötzlich ganz und gar nicht mehr lächerlich, denn selbstverständlich müssen Bahngleise braun gestrichen sein, damit sie rostig wirken. Diese kleinen Tricks wurden mir schnell zur Hauptsache. Zum Beispiel mein Bahnhof Neuffen, an seinem Eingang befestigte ich ein Stück altes Bettlaken mit der Aufschrift: „Dieses Haus ist besetzt!“ Dann wandte ich mich den Güterwagen zu. Sie sahen eher schrottreif aus, nachdem ich sie behandelt hatte. Aber sehen nicht viele Wagen der Deutschen Bundesbahn auch ein bißchen so aus?

Das Seminar an der Volkshochschule war natürlich auch insofern lehrreich, als ich Lehren aus dem ziehen konnte, was andere falsch machten. Dennoch, unzufrieden schien keiner der Teilnehmer zu sein, auch wenn er vielleicht gar nichts mit nach Hause nehmen konnte. Wolfgang etwa, der eine Art Bergbahn bauen wollte, weil er eine Zahnradlok besaß. Er sägte eine Trasse aus und klebte sie so zusammen, daß sie schließlich eine lichte Höhe von fast einem Meter erreichte, sie war sehr steil. Wie er die Träger bauen sollte und wie er sich am Ende den Berg vorstellte, konnte Wolfgang nicht beschreiben – hoch eben. Der Seminarleiter ließ ihn gewähren, warum auch nicht. Wolfgang war zufrieden.

Ich selbst versuchte mich an norddeutsche Landschaften anzulehnen. Die Einsamkeit eines Blockstellenwärters zu gestalten, das ist meine Herausforderung: plattes Feld mit Baum, Knick und Bank, darauf ein Männchen, daneben ein Fahrrad, und alle zwei Stunden ein Zug. Schlichtheit beruhigt.

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  • Quelle DIE ZEIT, 24.1.1992 Nr. 05
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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