Niedersachsen

Gemästetes Vieh, das zum Himmel stinkt

Hähnchenzüchter werden gegrillt — strengere Vorschriften sollen den Bau ihrer Massenställe bremsen

Oldenburg

Kleiner Zwischenfall auf dem Weg ins Oldenburger Land, in die Hochburg deutscher Hähnchenund Schweinebarone: Kurz vor dem Städtchen Lohne bei Vechta fahre ich hinter einem Transporter her, beide Anhänger sind vollgepackt mit Hühnerkäfigen. Keine Plane verdeckt den Blick auf die lebende Fracht, die zur örtlichen Hähnchenschlachterei rollt. Plötzlich wildes Flügelschlagen — aus einem der Käfige beginnen sich ein paar der eng zusammengepferchten Tiere herauszuarbeiten. Und wirklich: In Sekundenschnelle haben es drei Hühner geschafft und fliegen auf die Straße. Geschafft?

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Ich kann gerade noch ausweichen und sehe im Rückspiegel, wie Blut aufspritzt. Durch Signale mit der Lichthupe versuche ich den Fahrer der Hähnchenfuhre zum Halten zu bringen. Vergeblich. Der Polizeibeamte, bei dem ich später Anzeige erstatte, zuckt die Achseln. „So was", sagt er, „passiert hier alle Tage."

Szenenwechsel. Eine Frau, die sich von einem Hühnerfarmer in einem Dorf bei Oldenburg Eintagsküken abholen will, horcht auf. Aus Müllcontainern kommt „lautes, jämmerliches Piepsen". Sie hebt die Deckel an und findet die Eimer randvoll gefüllt mit lebenden Küken. „Ach ja, da muß noch Wasser drauf", antwortet die Bäuerin, als die geschockte Kundin sie empört zur Rede stellt. Eine Anzeige beim zuständigen Veterinäramt verläuft im Sand. Zwar wird erwogen, ein Bußgeldverfahren einzuleiten, doch es geschieht nicht.

Warum auch? Wenngleich es nicht statthaft ist, die frisch geschlüpfte Brut zu ertränken, gilt die Tötung überschüssiger Küken doch als normal. Überhaupt: Älter als fünf bis sechs Wochen werden die Hähnchen sowieso nicht, und den weiblichen Geschwistern bleibt als Alternative zum frühen Tod in der Regel nur die Legebatterie.

Cloppenburg hält den Rekord

Es leiden nicht nur die Tiere. Bei ungünstiger Wetterlage wagt zum Beispiel in Gehlenberg kaum ein Bewohner das Fenster zu öffnen. Beißender Gestank wabert durchs Dorf, löst Übelkeit aus und reizt die Augen. Messungen des Tüv- Norddeutschland haben ergeben, daß die Grenzwerte der Geruchsbelastung erheblich überschritten werden. Das Landeshygiene-Institut Oldenburg stellte fest, daß die Luft mit Keimen und Pilzen verpestet ist, weil in unmittelbarer Nähe in mehr als sechzig Ställen, Tausende von Hähnchen ihrem Schlachtgewicht entgegenwachsen. Der Ort. im Kreis Cloppenburg hält einen fragwürdigen Rekord. Nirgendwo in.der Welt ist so viel Federvieh auf engem Raum zusammengepfercht wie hier. Acht Millionen Hähnchen treten dort jährlich den Weg von der Mastanlage in die Tiefkühltruhen der Verbraucher an.

Rekorde dieser Art sind auch aus anderen Regionen Südoldenburgs zu vermelden. So weist der Landkreis Vechta die höchste Schweinedichte Europas auf. Rund 654 000 Borstentiere waren es vor kurzem, und es werden immer mehr. Die zuständigen Kommunen registrieren eine Flut von Bauanträgen, besonders im Bereich der immer noch lukrativen Hähnchenmast.

Die Zahlen sprechen für sich. Nach einer Übersicht der Bezirksregierung Weser-Ems vom Februar vergangenen Jahres lagen dem Landkreis Cloppenburg lediglich 13 Anträge für den Neuoder Erweiterungsbau von Massentierhaltungsbetrieben vor. Ende des Jahres war die Zahl der Anträge schon auf 55 gestiegen, von denen 35 inzwischen genehmigt sind. Da es sich hier um eine Prüfung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz (BIMSchg) handelt, werden aber nur Betriebe mit mehr als 14 000 Plätzen für Mastgeflügel und mehr als 700 Plätzen für Schweine erfaßt. Zählt man die Vorhaben, für die eine einfache Baugenehmigung ausreicht, hinzu, ergibt sich ein noch wesentlich größerer Anstieg: Allein von Februar bis Oktober 1991 erhöhte sich die Zahl der „einfachen" Bauanträge für Mastanlagen von 68 auf 191 — nur im Kreis Cloppenburg.

Ähnliche Steigerungsraten verzeichnet der Kreis Vechta. Hier schoß die Zahl der nach dem BIMSchg genehmigungspflichtigen Großvorhaben innerhalb von acht Monaten von 9 auf 65 in die Höhe. Die Reihe ließe sich fortsetzen: Emsland, Oldenburg, Meppen, Grafschaft Bentheim ... Zu den rund 1700 Massentierhaltungen im Bezirk Weser-Ems dürften schon bald einige Hundert dazukommen.

In der Aufsichtsbehörde nennt man die Lage mittlerweile „dramatisch". Eckart Bode, Präsident der Bezirksregierung Weser-Ems, befürchtet: „Wenn wir so weitermachen, geht die Lebensqualität einzelner Orte kaputt, dann darf man sich nicht wundern, wenn Gülle-Dörfer draus werden." Die Folgen sind schon jetzt spürbar: Die Wasserwerke müssen immer tiefer bohren, um noch trinkbares Wasser zutage zu fördern. Die Nitratbelastung wächst besorgniserregend. Ebenso steigt in der Region die Zahl der Allergiker, denen unter anderem der Ammonniakmief aus den Mastfabriken das Leben schwermacht. Der Landkreis Cloppenburg rangiert bei Atemwegserkrankungen mit Todesfolge auf Platz drei, unter den Kreisen und Städten der alten Bundesländer.

Und nun dieser neue Antragsboom. Warum? „Hähnchenfleisch ist begehrt, der Verbrauch in Deutschland wächst", sagt Hans Stallkamp, Hähnchenund Putenmäster sowie Vorsitzender des Geflügelwirtschaftsverbandes Weser-Ems. „Wenn wir unsere Marktanteile halten wollen, müssen wir uns der Nachfrage anpassen. Die Holländer und Franzosen sind schon auf dem Vormarsch." Bedenken weist der Verbandsfunktionär energisch zurück. „Wenn es mehr Autos gibt, werden die Straßen auch ausgebaut", argumentiert er. „Und wenn der deutsche Markt Tiere braucht, ist es vernünftig, sie hier zu erzeugen."

Doch vermutlich wollen die Mäster außerdem der rot-grünen Landesregierung in Hannover zuvorkommen. Die hat nämlich angekündigt, das Baurecht enger auszulegen und die Genehmigungspraxis zu verschärfen. Experten im Landwirtschaftsministerium denken über eine Bundesratsinitiative nach, um Mastfabriken ins Gewerbegebiet zu verbannen; eine Arbeitsgruppe der Bezirksregierung Weser-Ems will klären, wie man mit Hilfe der bestehenden Gesetze der wachsenden Gülleflut Einhalt gebieten kann; vor allem soll künftig nicht mehr jedes Bauvorhaben einzeln betrachtet, sondern die Vorbelastung durch vorhandene Betriebe mitbedacht werden. Strenger als bisher soll überprüft werden, ob die Mäster die tierischen Exkremente auch tatsächlich auf ausreichend große Ackerflächen verteilen oder nur weit enfernte Gülle-Nachweisflächen anpachten, um den Vorschriften formal zu genügen. In der vergangenen Woche hat die seit fünf Monaten arbeitende Gruppe ihre Ergebnisse vorgelegt: neue Richtlinien für die Genehmigungsbehörden in Kreisen und Kommunen.

Heilige Johanna des Mastviehs

Edeltraud Scheffler-Goll ist skeptisch, daß sich dadurch Entscheidendes ändert. Schon seit 1987 kämpft die frühere Schauspielerin aus Barßel im Kreis Cloppenburg gegen die weitere Ansiedlung von Mastfabriken. Die einen feiern sie als „heilige Johanna der Hähnchen und Mastschweine", die anderen verspotten sie als „Kreisnervensäge" oder bedrohen sie gar mit anonymen Anrufen.

Doch in ihrem Wohnort fand Edeltraut Scheffler-Goll Mitstreiter im Kampf gegen einen Landwirt, der einen Hähnchenstall mit 13 920 Plätzen bauen will und damit nur um exakt 80 Plätze unterhalb der kritischen Grenze zwischen einfachem Baurecht und verschärftem Immissionsschutzgesetz bleibt. Der Landkreis hatte schon ja gesagt, der Bauer schon die Fundamente gelegt. Alles schien zu laufen wie gewohnt, als das Verwaltungsgericht Oldenburg auf Betreiben der Barßeler Bürgerinitiative plötzlich einen Baustopp verfügte. Damit begann ein Rechtsstreit, der bis heute die Gerichte beschäftigt.

Eigentlich war Edeltraud Scheffler-Goll von Wuppertal nach Südoldenburg gezogen, weil ihr die Fehnlandschaft mit den Mooren und Schilfgürteln so gut gefiel. Nachdem sie aber wegen der gülleschwangeren Luft mehrfach unter Erstikkungsanfällen leiden mußte, begann sie, in wortgewaltigen Leserbriefen die Umtriebe der „Fleischmafia" anzuprangern und „Stallbau-Seil- Schäften" zwischen Massentierhaltern und Genehmigungsbehörden zu enthüllen. „Wahnsinn" nannte sie es, als in der Gemeinde Friesoythe nicht die Schließung „gesundheitsschädlicher Putenund Hähnchenmästereien" zur Debatte stand, sondern eine dadurch belastete Schule dichtgemacht werden sollte.

Manche Dörfer wie der Ort Lorup im Kreis Emsland sind von Mastanlagen regelrecht umzingelt. Remmer Akkermann, Vorsitzender der Biologischen Schutzgemeinschaft Hunte Weser-Ems, berichtet, daß eine Bebauung mit Wohnhäusern vielfach nicht mehr möglich sei. „Die Gemeinderäte, die immer locker bewilligt haben, stellen jetzt fest, daß sie in der Falle sitzen", sagt Akkermann. „Die Dorfstraßen enden vor den neuen Stadtmauern." Bernd Kuckuck, Verwaltungsdirektor beim Landkreis Emsland, kennt das Problem: „Wenn ein Stall genehmigt ist, genießt er Bestandsschutz. Danach geht in der Umgebung nichts mehr." Kuckuck kritisiert, daß die Großmäster — privilegiert wie die Bauern — sich auf der freien Fläche niederlassen können, die gar nicht als Bauland ausgewiesen ist — ein Vorrecht, von dem andere Gewerbetreibende nur träumen. Lohnoder Vertragsmäster der Großen wie Wesjohann („Wiesenhof") oder Doux ,(„Guts-Gold").

Die meisten Verbraucher fragen nicht danach, wo die Hähnchen herkommen, Hauptsache, sie sind billig. Mageres weißes Geflügelfleisch gilt außerdem als gesund. „Wie aber können fünf Suppenhühner zum Preis von 9,98 Mark oder drei Hähnchen für 7,99 Mark gesund sein?" fragt Edeltraud Scheffler-Goll. Sie nennt den Preishit im Supermarkt „die billigste Entsorgungsart von Wegwerffleisch durch die Mägen der Verbraucher, denn eigentlich gehören die völlig entkräfteten, zerrupften Käfighennen in die Tierkadaververwertung". Die aber ist schon überlastet. In der zentralen Tierkörperbeseitigungsanstalt in Kampe, die das verendete Vieh der Region zu Fleischmehl verarbeitet, mußte in der Vergangenheit mehrfach der Notstand ausgerufen werden. Die Kadaver türmten sich meterhoch, die Tierleichenberge stanken zum Himmel. Heinrich Thies

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  • Von Heinrich Thies
  • Datum 7.2.1992 - 13:00 Uhr
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  • Quelle DIE ZEIT, 07.02.1992 Nr. 07
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