Elend, Aids und Kriminalität: Die Drogenbilanz in Deutschland ist düster 2026 Opfer allein im vergangenen Jahr zwingen die Politik zum Umdenken. Tod durch Verbot
In der Bundesrepublik beginnt eine neue Debatte, ob Rauschmittel legalisiert werden sollen / Von Norbert Kostede
Eine junge Frau auf den Fliesen der Bahnhofstoilette — so sieht das Ende aus. Im vergangenen Jahr gab es in der Bundesrepublik 2026 Drogentote, 1989 waren es noch halb so viele.
Die Drogenszene ist seit Beginn der achtziger Jahre in die Zentren der Großstädte gewandert: Fixer am Bahnhof, vor den Kaufhäusern immer wieder die Frage: „Hast du ne Mark?" Die Zahl der Abhängigen in der Bundesrepublik wird auf über 100 000 geschätzt. Jeder sieht es mit eigenen Augen: Die Kandidaten für den „goldenen Schuß" sind meist bitterarme Gestalten. Der soziale Ruin und die psychische Verwahrlosung von Drogenabhängigen nehmen dramatisch zu: Sie verelenden, weil ein Heroinverschnitt aus dunklen Quellen sie arm und krank macht; sie sterben, weil sie die Dosis nicht einschätzen konnten „Alles egal", heißt es am Rande des Abgrunds.
„Die Verbotspolitik der vergangenen zwanzig Jahre ist blamabel gescheitert", sagt Werner Schneider. Wie die meisten seiner Kollegen prophezeit der Frankfurter Drogenreferent eine düstere Zukunft „Wenn wir uns auch weiterhin allein auf Strafjustiz, auf Werbekampagnen und die konventionellen Abstinenz Therapien verlassen, dann wird es auch in den nächsten Jahresbilanzen heißen: mehr Elend, mehr Kriminalität, mehr Aids Erkrankungen, mehr Todesfälle "
Im Ausland sieht es ähnlich wie in der Bundesrepublik aus. Internationale Abkommen und nationale Strafverfolgung haben im Durchschnitt nur fünf Prozent aller illegalen Drogen vom Markt nehmen können. Alle paar Tage wird irgendwo auf der Welt ein spektakulärer Fahndungserfolg gefeiert und stolz das Bild einer vollen Lagerhalle präsentiert. Man sollte sich dann besser vorstellen, welches riesige Gebirge aus Kokain, Heroin, Haschisch, Crack oder Amphetaminen täglich verschoben wird — an den Augen der Drogenfahnder vorbei. Das weltweite Geschäft — jährlicher Umsatz 600 Milliarden Dollar — boomt.
die markige Parole des amerikanischen Präsidenten George Bush über die verheerende Niederlage im Kampf gegen das Rauschgift hinwegtäuschen kann, um so intensiver werden in den Vereinigten Staaten Strategien zur Legalisierung von Betäubungsmitteln diskutiert. David Boaz vom Washingtoner Cato Institut zieht einen brisanten Vergleich: „Nicht der Alkohol hat die hohen Kriminalitätsraten der zwanziger Jahre verursacht, sondern die Prohibition; Und heute sind nicht die Drogen der Grund für das alarmierende Ansteigen der Kriminalität; es ist die Drogen Prohibition " Was David Boaz für Amerika beschreibt, gilt auch für die Bundesrepublik. In den Augen ihrer Kritiker verschweißt die offizielle Drogenpolitik die Suchtkranken mit dem kriminellen Milieu: Sie zwingt die Abhängigen zum illegalen Kleinhandel mit Rauschmitteln oder zum Diebstahl. Schon geht jeder zweite Autoaufbruch, jeder dritte Gebäude- und Wohnungseinbruch in den alten Bundesländern auf das Konto eines Rauschgiftsüchtigen. Erst das Drogenverbot sichert Höchstgewinne auf dem illegalen. Markt, treibt junge Männer und Frauen in die Beschaffungsprostitution und vergrößert das Aids Risiko unter Fixem und ihren Kontaktpersonen. Wie beim illegalen Alkoholhandel in den zwanziger Jahren ist es heute die Drogen Prohibition, die zu immer härteren Drogen und in immer größere Finanzprobleme führt. Und mit der fortschreitenden Verelendung des Milieus verbreitet sich die „Alles egal" Mentalität unter Abhängigen. Folge: Die Mortalitätsraten schnellen in die Höhe.
Tod durch Verbot? Die Verfechter eines strikten Drogenverbots — an ihrer Spitze in der Bundesrepublik Gesundheitsmimsterin Gerda Hasselfeldt (CSU) — behaupten freilich das Gegenteil: Wo Rauschmittel legal und frei verfügbar seim, erhöhe sich auch die dem Konsumenten verfügbare Menge. Wenn schon unter dem Druck der Illegalität immer mehr Menschen in die Abhängigkeit von harten Drogen gerieten, dann würde die Zahl der Konsumenten wie der Drogentoten durch Legalisierung erheblich steigen.
Gegen dieses Dogma der offiziellen Drogenpolitik regt sich nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in Westeuropa zunehmend Widerstand. Auf Initiative des Frankfurter Drogenbeauftragten Werner Schneider und der Genfer Ärztin Annie Mino trafen Ende 1990 Delegationen aus vierzehn europäischen Städten und Regionen zusammen und zogen eine schonungslose Bilanz. Die Städte Amsterdam, Frankfurt, Hamburg und Zürich unterzeichneten eine Resolution, in der es heißt: „Der Versuch der Eliminierung des Dn>genangebots und des Drogenkonsums aus unserem Kulturkreis ist gescheitert. Die Nachfrage nach Drogen hält trotz aller Aufklärungsbemühungen bis heute an, und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß wir auch in Zukunft mit Drogen und Drogenbenutzern werden leben müssen " Ein Jahr später waren es bereits Delegationen aus 28 Städten und zwei Regionen, die sich auf der Nachfolgekonferenz in Zürich trafen. Vier weitere Städte haben die „Frankfurter Resolution" unterzeichnet und sich darauf geeinigt, gemeinsam auf den neuralgischen Punkt der Drogenpolitik hinzuarbeiten: Sie fordern von ihren nationalen Regierungen, von der Europäischen Gemeinschaft und den Vereinten Nationen Gesetze und Vereinbarungen zur kontrollierten Drogenabgabe und eine schärfere Unterscheidung zwischen dem Konsum von Cannabis und von harten Drogen. Wollen die liberalen Drogenpolitiker das Steuer herumreißen und auf eine völlige Freigabe des Marktes setzen? Wegen des zu erwartenden Preisverfalls müßten sich dann die Drogenhändler zwar etwas Neues einfallen lassen; Suchtkranke würden nicht länger ins kriminelle und horizontale Gewerbe getrieben. Aber hinter dem Modell der totalen Legalisierung steht die naive Annahme eines autonomen Konsumenten. Nicht allein Jugendliche, die den Umgang mit Genuß- und Rauschmitteln erst lernen müssen, auch Erwachsene können aus der Bahn geworfen werden: Ob aus Lust oder Frust, plötzlich geift man zur Droge — und kommt jahrelang von ihr nicht mehr los. Einmal legalisiert, könnten sich Drogenunternehmen herausbilden, die mit offensiven Verkaufsstrategien, wie wir sie aus der Zigaretten- und Alkoholwerbung kennen, um Kunden und neue Absatzmärkte kämpfen.
- Datum 07.02.1992 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 7.2.1992 Nr. 07
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