Kinder, die nicht „zwei und zwei“ zusammenzählen können, leiden häufig unter einer DyskalkulieUnverstandene ZahlenweltSeite 2/2

In anderen Fällen sind die Gedächtnisfunktionen des Kindes eingeschränkt, es vergißt Zwischenergebnisse. Es wird auch angenommen, daß manche Kinder ganz allgemeine Schwierigkeiten haben, ihre Handlungen zu planen – und wer „56 plus 4“ oder gar „13 mal 21“ ausrechnen will, muß die Aufgabe in leichtere Teilaufgaben zerlegen.

Die psychologische Forschung nennt so ziemlich alle denkbaren Ursachen für Dyskalkulie: genetische, geburtsbedingte, familienpsychologische und andere mehr. Bei auffallend vielen Legasthenikern wurden Störungen der linken Hirnhälfte beobachtet; zuverlässige Angaben über einen Zusammenhang von „Lateralstörungen“ und Dyskalkulie sind indessen nicht vorhanden. Ein Rechenzentrum im Hirn jedenfalls, das wie ein abgestürzter Computer nur neu gestartet werden muß, scheint es nicht zu geben.

Nach Ansicht mancher Psychologen entscheiden sich Kinder für ihre Dyskalkulie. Eine gewagte Formulierung, auch wenn es sich um einen „unbewußten Entschluß“ handeln soll (was immer damit gemeint ist). Psychologische Ursachenforschung mit rechenschwachen Kindern ist überdies methodisch unsicher, denn die auffällig gewordenen Kinder haben natürlich schon längst auf ihre Störung reagiert, und wer will dann noch unterscheiden, was die Ursache und was die Wirkung der Dyskalkulie ist?

Dyskalkulie scheint in vielen Fällen heilbar zu sein, auch ohne tiefenpsychologisches Ergründen Frau Thies zum Beispiel übt Strategiespiele mit ihren kleinen Besuchern und hilft ihnen, die unverstandene Zahlenwelt von neuem aufzubauen. Kindern mit Gedächtnisproblemen rät sie, laut zu denken, die Zwischenergebnisse zu notieren und beim Lernen des Einmaleins eine Tabelle anzuschauen: „Das Bild ist sozusagen ein zweiter Zugang.“ Glücklich ist sie, „wenn plötzlich der Knoten platzt und das Rechnen funktioniert“.

Dabei ist Therapie eigentlich nicht ihre Aufgabe. Die Psychologin diagnostiziert Rechenschwächen und spricht mit Eltern und Lehrern über geeignete Maßnahmen, für die sie aber gar nicht zuständig ist. Wer dann? Die unbekannte Dyskalkulie ist, anders als die Legasthenie, im System der staatlichen Einrichtungen offenbar nicht vorgesehen.

„Rechenschwache Kinder sollten an den Schulen betreut werden, in der gewohnten Lernumgebung, von speziell ausgebildeten Pädagogen. Doch dafür wird kein Geld ausgegeben“, bedauert Frau Thies, „statt dessen müssen die Eltern den Kinderarzt aufsuchen, der die Kinder zu uns überweist.“ Anstelle des Staates zahlen also zunächst die Versicherten. Führt die Diagnose dann zu dem Ergebnis, daß eine spezielle pädagogische Betreuung nötig ist, zahlt nicht mehr die Krankenkasse (schließlich ist niemand krank), sondern die Familie: „Es gibt private Institute“, sagt Frau Thies, „an die man sich wenden kann.“

Was aber ist mit rechenschwachen Kindern, deren Eltern den Weg durch die Instanzen scheuen, Sprachprobleme haben oder die Kosten für pädagogische Hilfen nicht aufbringen können oder wollen? „Arm bleibt doof, da helfen keine Pillen“? Wenigstens die Mathematiklehrer sollten mehr über Dyskalkulie wissen. Zu loben ist eine Gruppe Hamburger Pädagogen, die eine Checkliste für Lehrer „zur Feststellung von Schwierigkeiten beim Rechnen“ geschrieben hat; die Schulbehörde hat den Text veröffentlicht.

Vielen kann damit auf die Sprünge geholfen werden.

 
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