Von Klaus Harpprecht

Es ist keine Pflicht, jeder der Zirkusnummern von Marcel Reich-Ranicki mit Verzückung zu applaudieren, aber es muß gesagt werden: Wenn er gut springt, springt er mit Bravour – und wo er recht hat, da hat er recht. Sein Abschied von Heinrich Mann, 1987 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und hernach in dem Sammelband „Thomas Mann und die Seinen“ zum Staunen des Publikums in Szene gesetzt, entsprach einer Notwendigkeit, von der nicht ganz sicher ist, ob sie so schmerzlich war, wie es der Kritiker seinen Lesern – mit einem Tränchen – im letzten Satz des Essays nahegelegt hat.

Niemand brachte vor ihm den Mut auf, Werk und Leistung des Bruders Heinrich – sozusagen die linke und schwächere Hälfte des doppelten Mythos Mann – mit solch schnaubender Wahrhaftigkeit unter die Augen zu nehmen, rücksichtslos und dennoch (kein Paradox) nicht ohne Sensibilität. Kein Messer, keine Nadel, kein Stich, kein Knall. Keine Blase platzte. Die Luft war in Wahrheit längst entwichen. Nicht aus allen literarischen Unternehmen Bruder Heinrichs, das nicht. Zwei Romane, der „Untertan“ und (als Buch zum Film) der „Professor Unrat“, ein paar Erzählungen werden wohl auch künftig gelesen werden: historische Dokumente. Dazu vielleicht die eine oder die andere Passage aus dem „Henri IV.“. Das ist mehr, als die meisten Schriftsteller der Nachwelt anheimgeben durften. Zum Klassiker reicht es nicht. Das Gros der Romane, der Novellen, der Essays ist vergangen, und manches war von Beginn an vertan.

Stephan Hermlin aber klagte bei der Verleihung des letzten Heinrich-Mann-Preises, jener Kritiker der FAZ habe Heinrich Mann „gewissermaßen zum zweiten Mal ... verbrannt“. Dies sagte der Vertraute des Genossen Generalsekretär, der Staats- und Parteidichter, der einen der beiden Hauptmörder des Jahrhunderts in Versen von alabasternem Adel gefeiert hat: ein versprengter Klassizist in der schäbigen Betonwelt des „real existierenden Sozialismus“, Hölderlin-Epigone wie so mancher Künder eines anderen Regimes, das seine Poeten unablässig zu hochpathetischen Aufschwüngen trieb. Auch ihm wurde unter den Händen zu Gips, was Marmor sein sollte. So bestimmte es die Chemie einer elementaren Verlogenheit, die – um so schlimmer – in sein Bewußtsein vordrang. Sein Hinweis auf die Bücherverbrennung beweist es: Nichts, nicht das Geringste hat er von der Entsetzlichkeit totalitärer Regime begriffen, nicht des einen, nicht des anderen.

Von Heinrich Mann, den er mit seinem infamen Vergleich in Schutz zu nehmen versuchte, läßt sich sagen, daß er wenigstens das Wesen des Nazismus halbwegs verstanden hatte, aus einer deutschen Bürgerwelt stammend, in der sich Elemente des rabiaten Nationalismus schon in der Zeit seiner Kindheit und Jugend zu sammeln begannen. Als Redakteur einer völkisch-antisemitischen Zeitschrift – der er immerhin eineinhalb Jahre diente, als ein sehr junger Mann – hatte er Gelegenheit, sich ein Bild von den Gefahren zu machen, die von rechts über die Gesellschaft hereinbrechen würden. Er lebte in gewisser Hinsicht voraus, was sich Bruder Thomas hernach in der Epoche des Ersten Weltkrieges in den „Betrachtungen eines Unpolitischen“, dieser gigantischen Demonstration einer Verirrung, in peinlich-genialer Verstiegenheit von der Seele geschrieben hat.

In Wirklichkeit sind es nicht die Einwände der späten Kritik, die Heinrich Manns Entzauberung bewirkten. Auch nicht nur das Gesetz der Zeit, das verdorren läßt, was gestern noch üppig blühte. Die langsame Hinrichtung des Schriftstellers besorgen vielmehr die Verwalter seines Erbes, die meinen, sie dürften uns kein Blättchen vorenthalten, über das einst die Hand des Meisters glitt.

So erschien in einer Studienausgabe bei Fischer erstmals eine Sammlung von Artikeln und Appellen, mit der Heinrich Mann eine Buchreihe des Schriftstellerverbandes für die Verteidigung der Kultur zu Anfang des Jahres 1939 bei den Editions du 10 Mai in Paris begonnen hat. Der Band – unter dem Titel „Mut“ erschienen – enthält mehr als sechzig Texte, die der Autor in den Jahren seines französischen Exils schrieb, einige Aufrufe, in der Mehrzahl journalistische Arbeiten für Zeitungen und Zeitschriften der Emigration, auch eine kleine Zahl von Aufsätzen darunter, die Heinrich Mann auf französisch für die Depeche de Toulouse verfaßte, ein „radikal-sozialistisches“, das heißt in Wirklichkeit links-liberales Blatt, das in hoher Auflage gedruckt wurde, damals vielleicht das wichtigste der französischen Provinz.