Viele Deutsche sahen nach dem Krieg in den Nazi-Verbrechern politisch Verfolgte und Opfer einer Siegerjustiz. Ihnen beizustehen galt quasi als nationale Pflicht. Allen voran halfen die beiden KirchenVergebung ohne ReueSeite 2/8

Die Angeklagten in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen oder in den Dachauer Prozessen gegen KZ-Personal wurden von beiden Kirchen für politisch Verfolgte gehalten. Geständnisse von Nazi-Schergen wurden als Ergebnis von Foltermethoden jüdischer Vernehmer abgetan. Besonders zwei Kirchenführer verkündeten, in den Prozessen der Siegermächte seien Aussagen durch Mißhandlungen erpreßt worden. Der eine war der württembergische Landesbischof Theophil Wurm, deutschnational bis auf die Knochen und ein Antisemit der alten Schule, der andere war der Münchner Weihbischof Johann Neuhäusler, der selber einst Häftling in Dachau gewesen war. Seine Motive sind nicht bekannt. Das Archiv des Erzbistums München und Freising hält die Akten unter Verschluß.

Spätestens 1948 werden viele Kirchenvertreter zu den besten Anwaltsgehilfen der Nazi-Verteidiger. So hält beispielsweise Oberkirchenrat Hannsjürg Ranke von der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am 12. Februar 1948 in einem Vermerk fest, er habe „die Angelegenheiten der Nürnberger Prozesse“ mit dem Generalsekretär der Verteidigung im I. G.-Farben-Prozeß, Rechtsanwalt Rudolf Müller, besprochen. Die „Nürnberger Verteidigung“ sei übereinstimmend der Ansicht, es sei bald an der Zeit, „Anregungen in der Richtung von Gnadenerweisen zu geben“. Die Verteidiger hätten zu diesem Zweck bereits einen Brief entworfen, den der Kölner Kardinal Frings an den amerikanischen Präsidenten Truman richten sollte. Inzwischen hätten sich [der Verteidiger des ehemaligen Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker] Hellmut Becker und Joseph Kardinal Frings zu einer Besprechung getroffen. Der Entwurf solle Frings in kurzer Zeit vorgelegt werden. Das heißt: Die „Nürnberger Verteidigung“ betätigt sich als Ghostwriter des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz.

„Irgendein Verbrechen“

In der Eingabe an Truman wird behauptet, die Neuartigkeit der amerikanischen Militärtribunale liege darin, daß der einzelne Bürger verantwortlich gemacht werde für Maßnahmen seiner Regierung, „an denen er im Rahmen seiner staatsbürgerlichen Pflichten teilnahm“. Auch beim Judenmord?

Auf katholischer Seite profilierten sich zwei Bischöfe als Fürsprecher der Kriegsverbrecher: neben Frings der Münchner Weihbischof Neuhäusler. Kardinal Frings schrieb rückblickend in seinem 1973 erschienenen Buch „Für die Menschen bestellt“: „Eine besondere Tätigkeit erforderte damals die Sorge für die sogenannten Kriegsverbrecher, also Soldaten, denen man irgendein [!] Verbrechen zur Last legte.“ Neuhäusler scheute sich nicht, zum Beispiel Zeugen aus dem Flossenbürg-Prozeß bei der Militärregierung als . Homosexuelle, Kinderschänder, Zuhälter, Kommunisten und Berufskriminelle zu diffamieren.

Seit 1949 finanzierten beide Kirchen die Arbeit des in so manchem NS-Prozeß beschäftigten Rudolf Aschenauer. Seine Nürnberger Büroadresse lautete: Bärenschanzstraße 4-6, Caritasbüro. Beide Kirchen kamen somit auch für Aschenauers Büroleiter Heinrich Malz auf, einen ehemaligen SS-Obersturmbannführer. Malz hatte es 1944 zum Persönlichen Referenten von Ernst Kaltenbrunner gebracht, dem Chef des Reichssicherheitshauptamts und Vollstrecker der „Endlösung“. Es ist nicht so, daß Malz seine Gesinnung den kirchlichen Auftraggebern verheimlicht hätte. Der Ex-Obersturmbannführer schreibt am 3. Juni 1949 dem Stuttgarter Oberkirchenrat Rudolf Weeber, Rechtsberater der württembergischen Landeskirche, über die Judenvernichtung: „Jedenfalls sprechen nicht wenige Anhaltspunkte dafür, daß unter den besonderen Bedingungen, unter denen die kriegerische Auseinandersetzung mit dem Bolschewismus geführt werden mußte, auch ein derart grausamer Befehl nicht vorneherein außerhalb jeder Kriegsnotwendigkeit liegend anzusehen war.“

Bei meinen Recherchen war ich schon früh auf einen Briefwechsel zwischen den beiden Nazi-Verteidigern Aschenauer und Fröschmann gestoßen. Georg Fröschmann, ein Duzfreund des bayerischen Landesbischofs Hans Meiser, bittet darin um Rückvergütung von zwei Zahlungen in Höhe von jeweils 800 Mark. Die Beträge seien „im Auftrage des Herrn Flick über Herrn Konrad Kaletsch“ unter dem Titel „Förderung der historischen Arbeiten“ an das evangelische Pfarramt St. Jobst in Nürnberg beziehungsweise an Herrn Dr. Malz in Rummelsberg übermittelt worden.

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