Auf dem Kopf und spiegelverkehrt

Ein Besuch bei Greno in Nördlingen, wo die „Andere Bibliothek“ gedruckt wird von Tobias Gohlis

Von Tobias Gohlis

Aus dem Dunkel des Alls rast er heran, wird rot, wird weißglühend, füllt den Bildschirm. Jaulen, Heulen, dann ein ohrenbetäubender Schlag. Stille. Nach einer Weile erklärt die Lautsprecherstimme, was wir gesehen haben. Dann wird wiederholt, im Zeichentrick: Der Meteor, ein Brocken von einem Kilometer Durchmesser, bohrt sich in die Schwäbische Alb, schleudert Felsmassen fort, bleibt stecken. Das Kraterloch füllt sich mit zurückschwappendem Gestein, die durcheinandergewirbelten Mineralmassen erstarren. Ungefähr zehn Minuten hat das gedauert, vor 14,8 Millionen Jahren, und so lange dauert auch die Trick-Wiederholung, die ich mir am liebsten wieder und wieder ansehen möchte.

So in Nebengedanken hatte ich schon immer mal gegrübelt, warum der Verleger Franz Greno einer Buchreihe den Namen „Krater-Bibliothek“ gegeben hatte. War ein Weinkelch gemeint, altgriechisch krater, eine Anspielung auf die immer enge Verbindung von Literatur und Alkohol? Erst jetzt, als ich im Nördlinger Kratermuseum sah, wie das Ries entstand, ging mir ein Licht auf. Der Meteoritenkrater war gemeint, in dem die fast kreisrunde Stadt Nördlingen liegt und in deren Mitte wiederum Greno seinen Verlag hatte.

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Greno als Zentrum der Bücherwelt – es gab 1985 und 1986, als er mit der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen „Anderen Bibliothek“ so überaus erfolgreich war, manchen, der das so sah. Inzwischen ist der Komet Greno-Verlag verglüht. Aber Nördlingen ist eine besondere Stadt. Hier bleibt keine Geschichte stehen. Im geschlossenen Ring ihrer mittelalterlichen Mauern bekommen alte Geschichten eine neue Fassung, und dann gehen sie in anderer Form verlangsamt weiter. So haust im „Daniel“, dem Turm der Stadtkirche St. Georg, immer noch ein Türmer und ruft nachts: „So, Gsell, so!“ Und in den Straßen unten gibt es immer noch eine Druckerei Greno, in der gedruckt wird, wie das vor zwanzig Jahren hier gang und gäbe war.

Die Druckerei Greno ist eine Rarität. In Westeuropa ist sie die einzige Druckerei, in der noch regelmäßig Bücher im Bleisatzverfahren hergestellt werden. Franz Greno hat sie bei der Auflösung seines Verlages 1989 an alte Mitarbeiter verkauft, und heute zeigen mir Heiner Buser, Walter Görner und Josef Kieninger ihre schwarze Kunst.

Man betritt die Werkstatt durch den Drucksaal. Heiner entschuldigt, wie in der guten Stube, die Unordnung. „Wir haben gerade umgeräumt.“ Von Unordnung ist nichts zu sehen. Der Plankenboden ist gescheuert. Die beiden Bogendruckmaschinen stehen still und schwitzen an den richtigen Stellen etwas Fett aus. Die Koenig und Bauer von 1967 ist im besten Alter: Mit 24 hat sie gut dreißigmillionenmal gedruckt, und sie kann gut noch 780 Millionen schaffen. Aber ihr Typ wird seit 1972 nicht mehr produziert. Ersatzteile gibt es kaum noch. Die Monteure, die sich mit ihr auskennen, sind über sechzig Jahre alt und meist in Rente. „Da müssen wir halt selber was erfinden, wenn sie kaputt ist“, sagt Drucker Walter Görner. Die Greno-Druckerei ist ein Museum, das arbeitet.

Hier wird weiter die „Andere Bibliothek“ gedruckt, auch wenn sie seit 1989 im Frankfurter Eichborn-Verlag erscheint. Die Herstellung in der Bleisatztechnik ist so aufwendig, daß der Verkauf der zwei- bis dreitausend Exemplare einer Auflage gerade ihre Kosten deckt. Ungefähr einen Monat arbeiten Maschinen- und Handsetzer, Gießer und Drucker an einem Band. Geld macht der Eichborn-Verlag erst mit dem Offset-Nachdruck als „Erfolgsausgabe“. Da verursacht der Band nicht 35 oder 40, sondern weniger als sechs Mark Herstellungskosten und finanziert so seinen Bleihandwerksvorläufer mit. Bis Ende 1995 ist die „Andere Bibliothek“ vorgeplant. Was dann kommt, ist ungewiß.

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