Wende zum Tod
Ein Selbstmord – und sein politischer Hintergrund
Von Robert Leicht
Sterben für Deutschland? Das Leben aufgeben für ein anderes Heimatland – aus Protest also nicht nur gegen bestimmte Auswüchse, sondern gegen die Tendenz des Vereinigungsprozesses? Unheilbar gesunden Naturen kann der Selbstmord von Detlef Dalk, eines Reformpolitikers aus dem Kreistag von Bernau, nicht sinnhaft und kaum verständlich erscheinen. Aber je schlüssiger die Gegengründe, die wir diesem letzten Schritt so energisch wie sinnlos nachrufen, desto stärker doch auch der Verdacht, wir müßten da – angstvoll – etwas in uns niederreden: das Gefühl, diese zutiefst unpolitische Tat hätte letztlich doch auch höchst politische Ursachen.
Keine Angst, der politische Verstand wird schon ausreichen, auch dieses Ereignis richtig einzuordnen und als Ausdruck persönlicher Hilflosigkeit aus der öffentlichen Sphäre zu verdrängen. Gewiß wäre der Familie Dalks – so, wie der Fall lag – im Streit mit dem „Alteigentümer“ ihres Hauses nichts widerfahren, was nicht im Rahmen des Zivilrechts in Ordnung zu bringen gewesen wäre. Irgendwie geht ja jetzt alles seinen rechtlichen und rationalen Gang. Aber Dalk sprach in seinem letzten Brief nicht nur vom eigenen Haus, sondern auch von der Behausung im eigenen Land. Wann verstehen vor allem wir Westdeutschen und unsere Politiker, die wir geradezu die Gefangenen unserer ja durchaus legitimen und bewährten Vernünftigkeit sind, dies eine: daß es vor allem in Ostdeutschland viele Menschen gibt, die von so viel Rationalität psychisch überfordert und erschlagen werden, gerade weil sie oft so zwingend und ausweglos richtig ist?
Wenn wir weiter nur auf der durchaus stichhaltigen Behauptung bestehen, zu dieser Art des Einigungsprozesses habe es, von vielen einzelnen Pannen abgesehen, im Prinzip keine Alternative gegeben, dann mag dies oberflächlich unserer westdeutschen Selbstbehauptung dienen. Zugleich aber blockieren wir uns selber für die Wahrnehmung, wie schwer es vielen der neu erst zu gewinnenden Landsleute fällt, sich im Strudel der Ereignisse zu behaupten. Die innere Einigung wird mißlingen, wenn die Überlegenen in diesem Prozeß folgendes nicht einsehen: Man kann andere nicht nur dadurch verletzen, daß man sich zu Unrecht über sie hinwegsetzt, sondern auch – und möglicherweise viel tiefer – dadurch, daß man sich zu Recht durchsetzt. Vielleicht ist dies einer der Gründe dafür, daß nicht wenige Ostdeutsche heute zumindest das Gefühl haben, sie hätten es im alten Unrechtsregime besser ausgehalten als in der neuen Demokratie.
Wohin man blickt, ob es sich um die Abwicklung alter Institute und Institutionen handelt oder die Einführung der effektiven Marktwirtschaft anstelle der lähmenden und ruinösen Planwirtschaft, überall führt die Fusion dieser zwei so konträren Gesellschaften in ein Dilemma. Zum einen wissen wir: Den Umbruch verzögern und verschleiern, das nähme sich auf den ersten Blick vielleicht schonlich aus, brächte aber am Ende nur vermehrtes Unheil. Zum anderen müssen wir uns jedoch fragen: Wer soll denn diesen Rationalisierungsschock aushalten, in den Köpfen und in den Seelen? Es wäre soviel einfacher, wenn man nur ein paar massive Fehler zu korrigieren hätte. Aber wenn nicht der Fehler, so liegt doch das Problem eben im prinzipiell durchaus Richtigen.
Die Westdeutschen wie die Ostdeutschen – wer kann schon genau ermessen, was sie wirklich trennt und wirklich eint? Nur in einem waren sie in ihrer Mehrheit ein Herz und eine Seele: in der Illusion, daß die Einigung schnell und leicht zu haben wäre. Jetzt aber, da diese übertriebenen Erwartungen in sich zusammenbrechen, darf der Irrtum nicht nur zu Lasten der Ostdeutschen gehen. Per aspera ad astra, auf rauhen Wegen zu den Sternen der Wohlfahrt – das ließ sich noch so hinsagen, solange man den Ostdeutschen in drei oder vier Jahren blühende Landschaften versprach. Inzwischen sollen, sich die neuen Bundesbürger auf zehn bis fünfzehn Jahre einrichten – für viele heißt dies: auf den Rest des Berufs-, wenn nicht des ganzen Lebens.
Wir Westdeutschen werden schon noch zu sehen bekommen, was der Einigungsprozeß auch uns kostet; auf das Klischee vom billigen Anschluß brauchen wir selbst in den seltenen Anfällen eines schlechten Gewissens nicht hereinzufallen. Aber wir müssen doch endlich anerkennen und in unserer Politik zum Ausdruck bringen, welche enorme psychische Anstrengung die Ostdeutschen auf sich nehmen – und sei es nur mit dem Ziel, es einen immer ferneren Tages so gut zu haben wie wir.
Nur wer sich dieser Empathie, dieser Einfühlung in die psychosoziale Wirklichkeit verschließt, wird auf den Gedanken kommen, der Selbstmord von Detlef Dalk habe uns gar nichts zu sagen, sei nur ein persönlicher Fall, nichts sonst weiter.






