Nach dem Vertrag zwischen Bonn und Prag "Die Dinge nach vorne treiben"Seite 3/3
nen, zum Beispiel in dem Buch „Versuch, in der Wahrheit zu leben", vermitteln das Gefühl, Sie hätten interessante Anregungen dafür, wie man oberhalb des Rahmens der Parteien oder auch zusätzlich zu den Parteien für eine stärkere Bürgernähe sorgen könnte. Was haben Sie da im Sinn? nach welcher Politik der Stand der Zivilisation heute ruft, und ich habe mich bemüht, diese Vorstellung, diese philosophische Idee auch auf der Ebene konkreter politischer Konsequenzen weiterzuführen.
Ich bin natürlich nicht für die Auflösung von Parteien. Sie sind Bestandteil der pluralistischen Demokratie. Aber ich bin gegen eine Diktatur der Parteien. Ich bin dagegen, daß neben dem Staat ein Schattenstaat der Parteien existiert. Deshalb bin ich für das kombinierte Wahlsystem und für ein stärkeres Bündnis zwischen den Bürgern und ihren Vertretern. Ich bin für einen Konsensus in der Gesellschaft, der sich während des Wahlprozesses bildet und nicht erst in Koalitionsgesprächen unter Parteien. Das ist ein Faktor, mit dem ich diese Idee auch auf der Ebene der praktischen politischen Konsequenzen verfolge.
Ich glaube darüber hinaus, daß jetzt die Zeit kommt, in der wir immer deutlicher eine bestimmte allgemeine und globale Verantwortung übernehmen sollten, weil die Welt auch global bedroht ist. Mir scheint, daß alle partikularen Interessen gegen den Strom der Zeit laufen. Mir steht all das nahe, was auf irgendwelche Art und Weise Möglichkeiten für jene globale Verantwortung eröffnet. Ich denke, daß in einem Mehrheitssystem ein gewählter Vertreter alle Bürger seines Distrikts noch viel deutlicher vertreten kann. Aber natürlich bedeutet diese zurückhaltende Beziehung zu einem ausgeprägten Parteiensystem — von dem sich übrigens die meisten stabilisierten Demokratien abwenden — nicht, daß ich gegen politische Parteien als solche auftrete.
Maße globalisiert worden. Ist darauf — besonders im Osten — der Rückzug auf das Vertraute zurückzuführen, auf Heimat, Religion, Nationales — kurz, auf den Nationalismus, der sich überall ausbreitet? Und wird dies — nicht nur hier, sondern überhaupt im Osten — von langer Dauer sein, oder ist es nur die Freude über das Ende der kommunistischen Repression und die wiedergewonnene Identität, die darin zum Ausdruck kommt?
lismen ist historisch verständlich, nachdem die nationale Identität jahrzehntelang unterdrückt worden ist und von Berlin bis Wladiwostok alles gleichgeschaltet war: überall dieselben roten Sterne und dieselben Inschriften. Mit der Befreiung war diese Phase einschließlich der etwas extremen Erscheinungsformen unvermeidlich. Eigentlich ist dies nur der Ausdruck einer bestimmten historischen Verspätung. Ich glaube, daß wir diese Phase schnell und ohne allzu großen Schaden durchstehen können, daß wir also das Versäumte aufholen werden und schließlich zu einer auf den Bürger gegründeten Auffassung der Gesellschaft gelangen.
druck, daß Sie für Ihr Volk manchmal zu schnell vorangehen? Sie haben von der „Vertreibung" gesprochen, als Ihre Nation mit den Deutschen noch gar nicht abgerechnet hatte. Wenn Sie jetzt von der globalen Bedrohung sprechen, kann Ihr Volk diesen Gedankengängen vielleicht noch gar nicht folgen, weil es erst einmal national auf die Beine kommen muß? Und wenn Sie das Parlament drängen, die Verfassungsfrage schnell zu klären, wird es da vielleicht auch nicht mithalten können. Sind Sie für Ihr Volk also manchmal schon zu schnell?
werde: die Dinge nach vorn zu treiben.
- Datum 20.03.1992 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.3.1992 Nr. 13
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