Von Thorsten-D. Künnemann

Mündliches Abitur in Biologie an einem norddeutschen Gymnasium: Ein Beamter des Kultusministeriums erscheint mit einem Strauß Wiesenblumen. Wie heißen diese Blumen? will er vom Prüfling wissen. Der hatte gerade mit seinen Kenntnissen in Molekulargenetik und Evolutionstheorie geglänzt. Nun schweigt er verlegen.

Die Szene erzählt eine Menge über den Biologieunterricht an unseren Schulen: Wir Jungen beherrschen die molekularen Grundlagen der Biologie, doch die Voraussetzung dafür, ökologische Zusammenhänge, angewandten Umwelt- und Naturschutz zu begreifen, fehlt uns, denn über die heimische Tier- und Pflanzenwelt wissen wir viel zu wenig. Für uns Jüngere ist das Entsetzen der älteren Lehrergeneration über unsere Unkenntnis schwer verständlich. Schon in den fünfziger Jahren hat eine Studentengruppe der Universität Kiel das Manko dokumentiert. Sie befragte drei Generationen eines Dorfes nach ihrer Tier- und Pflanzenkenntnis, die Zahl der Antworten der um die Jahrhundertwende Geborenen setzte sie gleich hundert. Bereits in der zweiten Generation waren vierzig Prozent des Wissens verlorengegangen, die dritte Generation hatte nur noch zwanzig Prozent der Formenkenntnis ihrer Großeltern.

Wie aber etwas schützen, was keiner mehr kennt? Jedermann, jedefrau gibt sich zwar heute ausdauernd bestürzt über den Zustand der Natur, doch Umweltschutzgruppen, die Zeit mit naturkundlichen Exkursionen verbringen, schrecken viele Neu-Mitglieder ab. Sie wollen etwas tun, aktiv werden, „Biotope“ anlegen – und vergessen, daß der Rasen, der dem Teich weichen muß, auch ein Biotop ist. Sie wollen demonstrieren für eine Umwelt, die sie kaum noch kennen.

Viele Lehrer klagen: Der Lehrplan ist zu voll! Angesichts der rasanten Entwicklung in der Biologie – die Bio-Schulbücher müssen zirka alle fünf Jahre neu aufgelegt werden – und der Notwendigkeit, die Schüler mit Immunbiologie, Molekulargenetik vertraut zu machen, bleibe keine Zeit mehr für naturkundliche Exkursionen. Auch Schulbuchautoren gestehen ein, daß sie in der Vergangenheit zugunsten der neuen Disziplinen die Artenkenntnis ein wenig vernachlässigt haben. Doch die Biologielehrpläne sehen durchschnittlich ein Drittel der Stundenzahl für pädagogische und naturkundliche Arbeit vor, und in ihren Präambeln stehen Sätze wie diese (zum Beispiel im Lehrplan für schleswig-holsteinische Gymnasien): „Artenkenntnis muß erworben werden, sie ist für die sinnvolle Behandlung mancher Gebiete (Ökologie, Ethologie, Evolution) unerläßlich ... Die Festigung und Erweiterung der Formenkenntnisse ...müssen durchgehendes Prinzip in allen Jahrgangsstufen sein!“ Allerdings sind Stundenfehl und -ausfall an vielen Schulen so groß, daß dieses eine Drittel der Zeit schnell aufgebraucht ist.

Schlimmer ist, daß offenbar viele Junglehrer mangels Ausbildung gar nicht mehr in der Lage sind, jene Präambel zu erfüllen. Sie müssen oft jahrelang „Nachhilfe“ bei den Altlehrern nehmen, um ihren Schülerinnen und Schülern Flora und Fauna nahebringen zu können. „Hier sitzen Studenten, die fünf oder mehr Jahre Biologie studiert haben, und die erkennen keinen Weizen oder Raps. Die machen nicht einmal den Versuch, die Pflanze einer Familie zuzuordnen!“ erregt sich Botanik-Professor Klaus Müller von der Universität Kiel über Lehrerexamensprüfungen. „Bei der heutigen Prüfungsverordnung gibt es nur einen Punkt Abzug; solche Lehrer müssen wir dann auf die Schüler loslassen.“

Die Ursache derart peinlicher Unkenntnis – immerhin handelt es sich bei den Prüflingen um ausgebildete Biologen – liegt wohl auch in der geringen Wertschätzung der Formenkenntnis im Biologiestudium. Sie wird kaum geprüft und meist nur in den Semestern Botanik und Zoologie vermittelt. Viele Professoren beschränken das Exkursionsangebot auf ein Minimum: weil sie „Wichtigeres“ zu tun haben, oder weil eine Exkursionsstunde oft größerer Vorbereitung bedarf als eine Vorlesung. Und der Student hat werig Veranlassung, sein Wissen selbständig aufzubessern. Wer an weiteren Bestimmungsübungen oder naturkundlichen Seminaren teilnehmen will, tut dies freiwillig. Eigene Artbestimmungen aber kosten viel Zeit, und die Ergebnisse können nicht veröffentlicht werden. Sievert Lorenzen vom Zoologischen Institut in Kiel: „Man kann heute sein Biologiestudium ohne Artenkenntnis abschließen. Auch bei uns gibt es Biologen, die sich jahrelang nur mit einer Fliegenart beschäftigen.“ Solange diese Wissenschaftler in der Grundlagenforschung tätig sind, ist dagegen nichts einzuwenden, doch bei der Ausbildung von Lehrern für allgemeinbildende Schulen sollten andere Maßstäbe gelten.