Gedichte schreiben nach AuschwitzDie Stimme bleibt

Theodor W. Adornos Diktum – Überlegungen zu einem Darstellungsverbot

Von Klaus Laermann

Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“

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Dieser Satz, den Theodor W. Adorno 1949 unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Exil geschrieben und 1951 veröffentlicht hat, liegt seit vierzig Jahren lähmend auf dem Bewußtsein jener Intellektuellen in Westdeutschland, die angesichts des industrialisierten Völkermords an den europäischen Juden nicht von der Gnade einer späten Geburt zu faseln bereit sind. Er war und ist eine der Formeln ihrer ebenso entsetzten wie ohnmächtigen Betroffenheit angesichts des unfaßbaren Leidens.

Sie verstanden diesen Satz als ein Darstellungsverbot. Und viele von ihnen schienen bereit, einem solchen Verbot zu folgen. Was denn konnten und sollten Gedichte noch sein oder gelten nach dem Holocaust, was war von einer Kultur denn noch zu erwarten, die es zugelassen hatte, daß Menschen sich dazu fanden, in den Lagern millionenfach zu töten? Tiefste Kulturskepsis war die Wirkung dieses Satzes. Denn er erschien den wenigen Deutschen, die ihn in den ersten Jahren nach seiner Veröffentlichung zur Kenntnis nehmen konnten und wollten, so offenkundig richtig, daß sie ihre Abneigung gegen die tradierten Formen der Kultur bis zu einer generellen Kultur- und vor allem Kunstfeindschaft steigerten. War nicht äußerste Skepsis gegenüber gerade der deutschen Kultur der ersten Nachkriegszeit (vor allem auch gegenüber ihrer kanonisierten Lyrik) mehr als angebracht? Dauerte es nicht Jahre, bis sich im restaurativen Klima der Ära Adenauer ein öffentliches Bewußtsein davon durchzusetzen begann, was da in deutschem Namen verübt worden war?

Adornos Satz wollte provozieren. Schließlich war er entstanden im Kontext von Überlegungen zu den Chancen und Bildungsperspektiven der Kultur und der Kulturkritik. Und die erschienen durchaus gering oder gar sinnlos angesichts dessen, was zu der Zeit, als dieser Satz geschrieben wurde, kaum jemand in Deutschland wahrhaben wollte. Schon damals bereitete Adorno vor, was er dann später in seiner „Negativen Dialektik“ zusammenfaßte in der These, alle Kultur nach Auschwitz sei Müll.

Beide Sätze sind ebenso falsch, weil voll und ganz übertrieben, wie richtig, weil ganz und gar einleuchtend. Wer ihnen recht gibt und sie ernst nimmt, muß den Mund halten und schweigen. Und das ist ja im Angesicht des Entsetzlichen nicht das Schlechteste, eher das Nächstliegende. Aber es ist auch nicht ungefährlich, denn wer nur schweigt, lebt verkehrt; er kann sich nicht wehren.

Beide Sätze sind aber auch Musterbeispiele für Adornos Verfahren, die Wahrheit aus Übertreibungen zu gewinnen. Nur aus der extremen Übersteigerung eines Gedankens bis zu dem Punkt, an dem er kaum noch zu denken ist, konnte sich nach seiner Überzeugung etwas Wahres ergeben. Es gab für ihn kein richtiges Leben im falschen. Und das ließ seine Formulierungen zuweilen riskant, ja auf eine fast selbstschädigende Weise widersprüchlich und gefährlich werden. Wie aus sprachlichen Kippbildern springt aus ihnen manchmal etwas hervor, was sie eigentlich nicht sagen dürfen, aber offenbar doch sagen müssen. Angesichts des Äußersten gehen sie das Risiko ein, Mimikry an das zu treiben, was nach ihres Autors Überzeugung im Grunde nicht sein darf: das Ende jeder Kultur diesseits von Auschwitz.

Adornos Verbot, das übergroße Leid und das unvorstellbare Sterben des jüdischen Volkes nicht einmal in Gedichten nennen zu dürfen, errichtet ein Tabu. Dieses Redeverbot steht in einer fatalen Nähe zu theologischen Traditionen. Denn es läuft Gefahr, Auschwitz negativ zu sakralisieren. Und aus dieser Nähe zum Sakralen gewinnt es seine Wucht. Denn es erinnert an einen zentralen Gedanken der Negativen Theologie des Mittelalters, der über tausend Jahre hinweg ein Gegengewicht zum theologischen und philosophischen Rationalismus des Okzidents bildete.

Dieser Gedanke hielt die biblische Auffassung fest, der zufolge Gott kein angemessener Name gegeben werden kann. Aber er radikalisierte sie insofern, als er die These vertrat, daß die Menschen, selbst wenn Gott seinen Namen ihnen geoffenbart hätte, nicht in der Lage wären, ihn zu verstehen. Denn ihr begrenzter Verstand sei nicht fähig, das Wesen Gottes zu erfassen. Folglich müsse jede affirmative Aussage über Gott sogleich durch eine Negation korrigiert werden. Und nicht einmal die sei zu halten, denn auch sie müsse letztlich relativiert werden. Gott übertreffe einfach alles, was die Menschen positiv oder negativ über ihn zu sagen vermögen.

Adornos Diktum erinnert aber auch an das biblische Bilderverbot. Der Rückgriff der Negativen Theologie auf das alttestamentarische Zweite Gebot, das es verbietet, sich von Gott ein Bild zu machen, knüpft an die radikalste Neuerung des Judentums im Kontext der altorientalischen Religionen an. Dieses Gebot (wie es im Alten Testament formuliert ist) stellt nicht nur etwas kultisch Neues oder anderswo so nicht Vorhandenes dar, sondern auch eine direkte theologische Herausforderung anderer Religionen.

Gott ist in der Tradition des jüdischen Bilderverbots der namenlose Eine, der Schreckliche, Übermächtige und Übergroße, der ganz und gar Andere, dessen Anblick den sofortigen Tod bedeutet. Gott ist nicht abzubilden als ein Wesen dieser Welt. Er ist nicht dies und das oder gar der und der, nichts Einzelnes und schon gar nicht Jemand. Nein: Gott ist Geist. Als solcher entzieht er sich jeder Anschauung und Erfahrung. Denn die können immer nur Zeichen und Hinweise von ihm gewinnen, ihn aber nie in Zeichen und verläßlichen, behaftbaren Formen festhalten. Seine Unsagbarkeit hebt ihn hinaus über jede sprachliche Darstellung. Und ebendarum darf es von Gott nicht nur kein Bild geben, sondern auch keinen Namen.

Ein Verstummen im Angesicht des Unsagbaren ist aber mit dem biblischen Bilderverbot gerade nicht gewollt. Es verweist vielmehr vom Bild aufs Wort. Das Judentum war die erste der drei Hochreligionen, die die Sprache als den Träger der Offenbarung behaupten. Gegen die bannende Macht der Bilder sollte die befreiende Macht der Sprache treten. Gegen den Götzendienst der vielen Partialgötter, die mit ihren verschiedenen Zuständigkeitsbereichen Teilmächte neben anderen repräsentierten, stand der Geist gewordene, also sprachlich nicht zu fassende Gott. Und er war universal, weil außer ihm selbst alles Eingang finden konnte in seinen Geist und seine Sprache. Zur Begründungsstrategie des alttestamentarischen Bilderverbots gehörte also gerade der Zwang zur Sprachlichkeit als universaler Darstellungszumutung.

Das Bilderverbot ist mithin kein Sprachverbot, sondern soll und will Sprache geradezu erzwingen. Wenn die Schriftreligionen der Vorstellung zum Durchbruch verhalfen, Gott habe sich im Wort geoffenbart, so verhalfen sie der Sprache zu einer ihr zuvor nicht zukommenden Dignität. Sie legten den Bann über die Bilder, weil die zur Verendlichung des unendlich Einen, zur Veranschaulichung des über jede Anschauung Hinausgehenden verleiteten oder gar anhielten. Immer ging es ihnen dabei um die Vorstellung, Gott sei sprachlich geoffenbarter Geist. Nur durch das Wort konnte er alles geschaffen haben und alles wieder zur Sprache kommen lassen.

Wenn nun Adornos Satz, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, das Bilderverbot in ein Sprachverbot ummünzt, so setzt er das Vertrauen außer Kraft, das die Sprache in der Tradition der europäischen Aufklärung schon im Judentum, aber dann auch im Christentum zu erwecken und wachzuhalten vermochte. Es gründete in seiner christlichen Variante in der Eröffnungsformel des Johannes-Evangeliums: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.“ (Joh. 1, 1-3) Weiter heißt es: „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ (Joh. 1, 14) An dieses Vertrauen knüpfte sich die Hoffnung, daß auch alles Fleisch Wort werden könnte, ja müßte, wenn denn Gott durch das Wort Fleisch geworden war.

Adornos Satz ist eine Absage an eine der Grundvoraussetzungen des christologisch begründeten Sprachdenkens, das in der europäischen Aufklärung säkularisiert fortlebte. Die Aufklärung glaubte, alles zur Sprache zu bringen. Sie hoffte, alles sei sagbar. Zwar war immer klar, daß nicht alles jederzeit und schon gar zu jedermann gesagt werden konnte. Aber prinzipiell sollte doch alles (und sollten alle) zu Wort kommen dürfen – vielleicht irgendwann und gewiß nicht formlos oder ohne alle Vorbehalte. Aber eben doch prinzipiell. Die Sprache galt als die versöhnende unter den Mächten dieser Welt. Und das sollte Adornos Diktum zufolge nach Auschwitz nicht mehr gelten.

Doch warum nannte Adorno gerade Gedichte? Warum sollten besonders sie barbarisch sein? Hatte er vielleicht jene süßliche deutsche Lyrik im Sinn, die 1949 noch hoch im Kurs stand? Aber war die wirklich barbarisch und nicht vielmehr nur schlecht? Wahrscheinlicher meinte er, daß über die Alltagssprache hinaus nicht einmal die individuierteste Rede, das einsame, unwiederholbare und so noch nie zuvor gehörte Sagen dem Thema Auschwitz gerecht zu werden vermag. Wenn selbst nicht die uneinholbare Einmaligkeit von Worten, die so noch niemand gesprochen hat, den Holocaust darstellen kann, dann kann es keine Sprache. Oder vielmehr: Dann ist jede Rede über Auschwitz barbarisch.

Doch Adornos Wort ist widerlegt worden. Wir haben die durchaus nicht barbarische Lyrik gerade jüdischer Autoren deutscher Zunge, für die vor allem Namen wie Paul Celan und Nelly Sachs einstehen. Adorno wurde durch diese Lyrik ins Unrecht gesetzt. Die Sprache überdauerte Auschwitz in einigen ihrer erhabensten und verschwiegensten Gedichte. Und sie blieb stimmhaft, wenn auch fast stumm, vor allem als die Sprache der Opfer. „Erreichbar, nah und unverloren“, so heißt es bei Paul Celan, „blieb inmitten der Verluste dies eine: die Sprache. Sie, die Sprache, blieb unverloren, ja. Trotz allem. Aber sie mußte nun hindurchgehen durch ihre eigenen Antwortlosigkeiten, hindurchgehen durch furchtbares Verstummen, hindurchgehen durch die tausend Finsternisse todbringender Rede.“

Trotz allem also war das Thema Auschwitz eben doch darstellbar, während sich andere Themen durchaus nicht ins lyrische Gedicht fassen lassen. Weit undenkbarer als Gedichte über den Holocaust sind nach wie vor solche auf den Staat. Noch immer gilt die These von Enzensberger, schon die Namen der Herrschenden setzten jede lyrische Rede außer Kraft.

Adornos Satz hat den Opfern der Lager sowie denen, die sie überlebten, und nicht zuletzt denen, die wie Celan das Überleben nicht überlebten, Unrecht getan. Ihnen kann, ja darf die Darstellung von Schmerz, Leid und Trauer auf keinen Fall verwehrt werden. Wo denn wären die Millionen Toten zu begraben, wenn nicht in Gedichten? Nicht zuletzt ihretwegen wird Adorno sein Diktum über Lyrik nach Auschwitz siebzehn Jahre später korrigiert haben. Dies ist einer der wenigen Sätze, vielleicht der einzige Satz, den er je zurückgenommen hat. In der „Negativen Dialektik“ heißt es 1966: „Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe kein Gedicht mehr sich schreiben.“

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