Von allem Leid, das diesen Bau erfüllt, / ist unter Mauerwerk und Eisengittern / ein Hauch lebendig, ein geheimes Zittern, / das anderer Seelen tiefe Not enthüllt.“ Der Bau, dem Albrecht Haushofer während seiner Haft im Winter 1944/45 seine „Moabiter Sonette“ widmete, war das Zellengefängnis an der Lehrter Straße in Berlin. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts als „Musteranstalt“ für ganz Preußen errichtet, wurde es bald zur Hölle für Tausende von Gefangenen, viele politische darunter. Noch ehe der gesamte Komplex fertiggestellt war, fand hier bereits im Jahre 1847 ein politischer Schauprozeß statt – gegen 256 polnische Freiheitskämpfer, die der Vorbereitung eines Aufstands gegen die preußische Herrschaft bezichtigt wurden. Die März-Revolution von 1848 in Berlin befreite die zu hohen Haftstrafen Verurteilten.

Drei Jahre lang, von 1866 bis 1869, saß in Moabit ein junger Schuster, Wilhelm Voigt, ein, der später als „Hauptmann von Köpenick“ Berühmtheit erlangen sollte. Hier wurde auch der arbeitslose Klempnergeselle Max Hödel festgesetzt, der am 11. Mai 1878 zwei Schüsse auf Kaiser Wilhelm I. abgefeuert, diesen aber verfehlt hatte. Vor seiner Hinrichtung im Keller des Gefängnisses am 16. August 1878 schrieb er seinen „herzgeliebten Eltern“: „Meine angeborene Weichherzigkeit habe ich vollkommen abgestreift, um nicht die letzten Lebensstunden mich mit Traurigkeit versetzt zu sehen.. Ich fahre also mit sächsischer Gemütlichkeit ab.“

Im Ersten Weltkrieg verschwanden hinter den Toren des Gefängnisses oppositionelle Sozialdemokraten, die gegen Krieg und Burgfrieden angingen, so Karl Liebknecht nach einer Protestdemonstration auf dem Potsdamer Platz am 1. Mai 1916, so, noch im März 1918, Leo Jochiches, der Gefährte Rosa Luxemburgs und geheime Organisator der Spartakusgruppe. Er wurde bei seiner erneuten Einlieferung in Moabit im März 1919 von einem Kriminalbeamten durch Kopfschuß getötet: „Auf der Flucht erschossen.“ (Der Mörder wurde später zum Offizier der Schutzpolizei befördert.)

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Moabit wiederum zum Aufbewahrungsort für Linke, die sich mit dem Scheitern der Revolution nicht abfinden mochten. Hier saß im Frühjahr 1919, zeitweilig an die Wand seiner Zelle gekettet, Karl Radek, Mitbegründer der KPD und Mitstreiter Lenins. Hier, in die Irrenabteilung des Gefängnisses, steckte man 1924/25 auch Karl Plättner, den berüchtigten mitteldeutschen Bandenführer, der mit seinen Enteignungsaktionen nach dem März-Aufstand 1921 das Besitzbürgertum in Angst und Schrecken versetzt hatte.

Nach 1933 wurde Moabit vollends zum Synonym für Isolationshaft, Folter und Mord. Unzählige Gegner der Nazis wurden hier gepeinigt, unter ihnen der ehemalige KPD-Abgeordnete Werner Scholem. In einem Brief aus dem Gefängnis vom Oktober 1933, der die vielsagende Unterschrift „Dein Bruder Hiob“ trägt, schrieb er seinem Bruder Gershom Scholem ins ferne Jerusalem: „Ich bin in doppelter Weise getroffen, als Jude und als ehemaliger (kommunistischer) Politiker.“ Nicht als Jude, wohl aber als Kommunist wurde Anfang 1943 der Sänger und Schauspieler Ernst Busch in Moabit eingeliefert. Nur durch Fürsprache von Gustav Gründgens, dem Intendanten des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt, entging er dem sicheren Tode.

Im Zweiten Weltkrieg reklamierte die Wehrmachtsverwaltung gleich einen ganzen Zellenflügel, um dort jene mutigen Männer festzusetzen, die nein zu einer verbrecherischen Kriegführung sagten. Wegen „Zersetzung der Wehrmacht“ mußte hier unter anderen der Panzergrenadier Wolfgang Borchert 1944 ein Dreivierteljahr zubringen – nur noch drei Jahre blieben ihm danach zu leben: „Doch ach, die Wimper zittert, / wenn ich den Blick zum Fenster hebe: Es ist vergittert!“

Nach dem 20. Juli 1944 wurde Moabit für viele Beteiligte und Mitwisser des gescheiterten Staatsstreichs zur Durchgangsstation auf dem Wege in die Folterkammern der Prinz-Albrecht-Straße und die Hinrichtungsstätte in Plötzensee. Von den zwischen Oktober 1944 und April 1945 registrierten 306 Häftlingen erlebten nur 35 das Ende der Nazi-Diktatur. Noch in der Nacht vom 23. auf den 24. April wurde Albrecht Haushofer, zusammen mit dreizehn Mitgefangenen, auf einem Gelände nahe der Lehrter Straße erschossen – in der Hand hielt der Ermordete, als man ihn fand, die „Moabiter Sonette“.