Von Martin Wiegers

Denksportaufgabe für Cineasten: „Wenn es in Casablanca Dezember 1941 ist, wie spät ist es dann in New York?“ Natürlich ist die Frage unsinnig. Stellen kann man sie nur, wenn man Humphrey Bogart heißt, betrunken in einem Film von Michael Curtiz sitzt, und das eilig zusammengeschusterte Drehbuch auf Biegen und Brechen versucht, die Handlung zeitlich zu lokalisieren. Dezember 1941, natürlich: Die USA treten nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbour in den Zweiten Weltkrieg ein.

Doch soweit ist es in „Casablanca“ noch nicht. Den Scheck, den Humphrey Bogart als Cafe-Besitzer Rick Blaine in seiner ersten Szene unterschreibt, datiert er auf den 2. Dezember. Gerade hat Rick Ilsa Lund alias Ingrid Bergman wiedergetroffen. Seine Gedanken gehen zurück nach Paris, in den unvergeßlichen Frühling mit ihr: Tanzen, Ausflüge machen, im Auto die Champs Elysées hinunterbrausen – und gleich kommen wir zu der Stelle, die Karriere gemacht hat. Nur er und sie und sieben kleine Wörter. Da sind sie schon: „Ich seh’ dir in die Augen, Kleines.“

Bogarts immer wiederkehrender Satz, „der für seine Liebe zu Bergman gleichsam als Synonym steht“, wie Heinzlmeier, Menningen und Schulz schreiben („Kultfilme“) – dieser Satz ist in den deutschen Sprachgebrauch eingegangen, weit über die Fan-Gemeinde von „Casablanca“ hinaus. Ad nauseam wird er zitiert und nachgebetet, variiert und verfremdet, Büchern und Zeitungsartikeln dient er als beziehungsreicher Titel, und auf Plakaten läßt sich mit ihm für nahezu alles werben – von Urlaubsreisen bis hin zu strahlungsarmen Computern („Schau mir in die Augen, Multi-Sync“).

Der Mythos triumphiert. Wenn Bogey das noch erleben dürfte! Ja, wenn: Leider würde er von all dem nichts begreifen. Denn Rick Blaine hat den berühmten Satz nie gesagt. Die Aufgeregtheit der Deutschen geht auf ein Mißverständnis zurück; die Fans zerfließen vor Hingabe – wegen eines Übersetzungsfehlers. Nur wer einmal Gelegenheit hatte, den Film unsynchronisiert zu sehen, dem wird das vielleicht aufgefallen sein. Kein Mensch in den USA zitiert den Satz kennerhaft; im Original rauscht er nahezu unbemerkt vorüber.

„Here’s looking at you, kid“, sagt Rick zu Ilsa. „Here’s looking at you“.

Auf diese Wendung stoßen wir auch in Dialogen anderer Werke: in „Watchmen“, dem Comicroman von Alan Moore und Dave Gibbons. In „Small World“, einer academic romance des britischen Schriftstellers David Lodge von 1979. In „Cause for Alarm“, dem vierten Roman des britischen Thrillerautors Eric Ambler, erschienen im Jahre 1938 bei Hodder & Stoughton in London. „Casablanca“ kam vier Jahre später heraus.