Von Heinz Josef Herbort

Haydn und Mozart hatten die Sorgen noch nicht: Bei 104 oder auch nur 41 Symphonien insgesamt fällt einer neunten noch keine Sonderrolle zu. Aber dann hatte ein Siebenundvierzigjähriger nicht nur sechs Jahre für die Fertigstellung gebraucht, sondern mit ihr auch ein ästhetisches Paradigma verändert. Seit Beethovens opus 125 umgibt eine Neunte eine Aura.

Anton Bruckner hat dies gewußt wie gefürchtet: Er hatte das Werk „dem lieben Gott“ gewidmet, hatte sieben Jahre an den ersten drei Sätzen gearbeitet, noch am Morgen des Sterbetages am Finale skizziert – es wurde seine „Unvollendete“. Gegensätzliches und doch Vergleichbares bei Gustav Mahler: Er konzipierte seine Neunte in hektischer Eile (zwischen Sommer 1909 und April 1910), begann auch eine Zehnte, aber den Schluß der Neunten charakterisierte Leonard Bernstein in seinen Norton-Lectures unübertroffen und in seine eigentlichen Empfindungs- und Reflexionsqualitäten schlagartig beleuchtender Weise: „Was war es, das Mahler gesehen hatte? Drei Arten des Todes. Zuerst seinen eignen bevorstehenden Tod ... Zweitens den Tod der Tonalität, was für ihn den Tod der Musik an sich bedeutete ... Alle seine letzten Stücke sind Arten eines letzten Lebewohls an die Musik und an das Leben ... Und schließlich seine dritte und wichtigste Vision: der Tod der Gesellschaft, der Tod unserer faustischen Kultur... Das ist die faszinierendste Zweideutigkeit von allen: daß, während wir heranwachsen, das Zeichen unserer Reife das Akzeptieren unserer Sterblichkeit ist und daß wir dennoch in unserer Suche nach der Unsterblichkeit fortfahren.“

Es gibt Stunden, Minuten, Sekunden im Leben eines Musikers – und manchmal darf auch der Musikjournalist sich wieder oder noch als Musiker fühlen und einordnen –, die bestimmend sind für eine Richtungsänderung des gesamten Lebens. Am 4. und 5. Oktober 1979 dirigierte (der damals immerhin schon einundsechzigjährige) Leonard Bernstein zum ersten Mal die Berliner Philharmoniker, erst jetzt erschien der Mitschnitt. „Und so kommen wir zur letzten, unglaublichen Seite der Partitur. Ich glaube, sie ist die größte Annäherung, die je in irgendeinem Kunstwerk an die Erfahrung des tatsächlichen Vorgangs des Sterbens, des Alles-Aufgebens erreicht worden ist... Diese spinnwebdünnen Fasern, die uns noch ans Leben binden, wir klammern uns an sie, während sie sich verflüchtigen; wir halten noch zwei – dann eine. Eine, dann plötzlich keine.“ Dieses Erspielen des Endes mit nur einem Ton in den Bratschen – in Berlin konnte man es damals nicht nur hörend miterleben, sondern sehend nachvollziehen. Und wenn man Leonard Bernstein später je darauf ansprach: Er wußte, was es für ihn – und für uns – bedeutet hatte, dieses aufführende Nachvollziehen eines Sterbens; mit Leonard Bernstein war über nichts intensiver zu diskutieren als über den Tod. Kein Wunder, daß auch sein Leben-Wollen in dieser Interpretation der Neunten Mahlers – wie in der Neunten Anton Bruckners – seinen elementaren und körperlich zu spürenden Ausdruck findet: in der Energie der Rhythmen, in der Schönheit der Linien, in der Klarheit der Formen, in der Vielfalt der Nuancen, in der Intensität und Impulsivität jeden Taktes, jeden Taktschlages. Für diese Art Musik zu machen lohnt es sich zu leben – und getrost an ihr zu sterben.

  • Anton Bruckner: „Symphonie Nr. 9“

Wiener Philharmoniker, Leitung:

Leonard Bernstein; DG 435 350