Von Peter Schüttler

Der Beruf, den ich gewählt habe“, so schreibt der französische Historiker Marc Bloch im Sommer 1940, „gilt normalerweise nicht als sonderlich abenteuerlich. Doch mein Schicksal, das sich hierin mit demjenigen fast meiner gesamten Generation deckt, hat mich im Abstand von einundzwanzig Jahren zweimal aus diesen friedlichen Bahnen geworfen. Zudem hat es mir, was die Vielfalt der Aspekte der Nation in Waffen angeht, ein Maß an Erfahrung vermittelt, das wohl ziemlich ungewöhnlich ist.“

Das Engagement und der militärisch geschulte Blick des Sorbonne-Professors waren in der Tat ungewöhnlich: Obwohl Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg und bereits über fünfzig Jahre alt, zudem Vater von sechs Kindern, meldete er sich im August 1939 zu den Waffen. Spöttisch nannte sich Bloch den „ältesten Hauptmann der französischen Armee“. Als solcher erlebte er zunächst den „Sitzkrieg“ und dann den „Blitzkrieg“. Um der Gefangennahme zu entgehen, schiffte er sich wie Tausende anderer Soldaten vor Dünkirchen ein und gelangte über England zurück in das besetzte Frankreich.

Gleich in den ersten Monaten, die auf den Waffenstillstand vom 2. Juli 1940 folgten, machte er sich als Augenzeuge und Historiker – obwohl sein Spezialgebiet das frühe Mittelalter war – daran, die Erfahrungen des verlorenen Krieges aufzuarbeiten und niederzuschreiben. So entstand ein ungewöhnliches Dokument: halb zeitgeschichtliche Analyse, halb Selbstkritik eines patriotischen Intellektuellen. Schonungslos und rational, aber auch von einem republikanisch-demokratischen Pathos getragen, das für den heutigen Leser um so anrührender wirkt, als Bloch es in den folgenden Jahren dann nicht mehr bei der Analyse beließ. Statt der Gefahr zu entfliehen und das Angebot einer amerikanischen Professur anzunehmen, schloß er sich der Résistance an und kämpfte zuletzt in der Höhle des Löwen: in Lyon. Dort fiel er im März 1944 den Häschern Klaus Barbies in die Hände. Am 16. Juni, wenige Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie, wurde er von der Gestapo erschossen.

Nach dem Krieg wurde Blochs Schrift von 1940, die den schönen Titel trug „L’etrange defaite“, „Die seltsame Niederlage“, aus dem Nachlaß veröffentlicht. Kürzlich erschien davon in Frankreich eine durchgesehene und um einige lebensgeschichtliche Dokumente ergänzte Neuauflage. Die ausgezeichnete deutsche Übersetzung beruht auf dieser Ausgabe. Nur einige Dokumente aus dem Anhang wurden weggelassen, ebenso die lesenswerte Einleitung des Harvard-Historikers Stanley Hoffmann. Statt dessen hat Ulrich Raulff einen sachkundigen und eleganten Essay beigesteuert, der im Unterschied zu Hoffmann weniger die politische Brisanz und Aktualität des Buches betont – immerhin entstand Blochs Text noch vor den vergleichbaren Schriften eines Léon Blum oder Charles de Gaulle! –, sondern ihren besonderen historiographischen Gestus. Auch hebt Raulff zu Recht den Zusammenhang zwischen Blochs politischer Diagnose und seinen geschichtstheoretischen Überlegungen hervor, die er wenige Monate später in den ebenfalls erst posthum veröffentlichten Manuskripten seiner „Apologie der Geschichte“ weiter ausführte.

Zuvörderst ist „Die seltsame Niederlage“ jedoch eine unbarmherzige zeitgeschichtliche Kritik. Die stolze Siegermacht von 1918 ist nicht nur militärisch zusammengebrochen, auch politisch und intellektuell hat Frankreich dem totalitären „Blitz“ kaum etwas entgegenzusetzen. Statt alle Energien eines demokratischen Gemeinwesens zu mobilisieren, haben der Generalstab und die konservativen Eliten mehr oder weniger nach der Devise gelebt: „Lieber Hitler als Léon Blum“. Schon im Vorfeld haben sie die Gefährlichkeit und Wendigkeit der Nazi-Armee unterschätzt. Als die Katastrophe eintrat, fanden sich militärische Leitfiguren wie Marschall Pétain bereit, jeden Widerstand abzuwiegeln. Gewiß, ein weitergeführter Kampf hätte eine Umstrukturierung der Armee und eine gründliche Erneuerung ihrer Führung erfordert; auch soziale Polarisierungen waren zu erwarten; eine Hinnahme des deutschen Sieges schien dagegen die Möglichkeit einer antirepublikanischen Restauration zu bieten. Aber der Preis dafür war die nationale Selbstaufgabe – trotz aller Phrasen von „Staat-Vaterland-Familie“. Im Kern enthielt dieser nationale Verrat bereits die Bereitschaft zum Bürgerkrieg gegen die eigene Bevölkerung, wie er dann in der von Vichy aus regierten Südzone jahrelang betrieben wurde.

Blochs präzise und geduldige Analyse mündet nicht nur in eine Anklage, sondern auch in eine radikale „Gewissensprüfung“: Sich selbst, seiner Generation und den demokratischen französischen Intellektuellen stellt er ein deprimierendes Zeugnis aus. Zwar hätten sie in den zwanziger und dreißiger Jahren gespürt, daß es in Deutschland „schüchterne Ansätze eines guten Willens gab, durchaus friedliebende und liberale Kräfte, die unsere politischen Führer nur hätten fördern müssen“. Eine solche Politik sei jedoch nicht populär gewesen, und sie, die aufgeklärten Intellektuellen, die zwar Patrioten, aber keine Chauvinisten waren, hätten deshalb tatenlos zugesehen. „Wir trauten uns nicht, unsere Stimme in der Öffentlichkeit zu erheben, wagten nicht einmal, jene Rufer in der Wüste zu sein, die, wie immer die Sache ausgeht, wenigstens die Genugtuung empfinden können, ihre Uberzeugung bekannt zu haben. Wir zogen es vor, uns in die furchtsame Beschaulichkeit unserer Werkstätten zurückzuziehen. Mögen die Nachgeborenen uns das Blut verzeihen, das an unseren Händen klebt!“ Wie viele deutsche Intellektuelle haben damals oder nach 1945 den Mut gefunden, ihre staatsbürgerliche Vergangenheit so in Frage zu stellen – und sich dementsprechend verhalten? Was die historische Zunft angeht, hat es einen „deutschen Marc Bloch“ jedenfalls nicht gegeben. Auch nicht unter den Emigranten.