Von Andreas Kuhlmann

Paul Virilio beschreibt in seinen Büchern eine Welt entfesselter Mobilität, die von ihrer eigenen Substanz zehn. Das, was "Welt" ausmacht, die Erfahrung von zeitlicher und räumlicher Ausdehnung und Gliederung, ist einem unwiderruflichen Schwund ausgesetzt. In früheren Studien hatte Virilio die Revolution moderner Transportmittel untersucht: der Eisenbahn, des Automobils, des Flugzeugs. Mit jedem Sprung in der Entwicklung der Fahrtechnik erhöht sich die Geschwindigkeit und verringern sich Raum- und Zeitdistanzen. Dem Autofahrer bieten sich nur noch verwischte und verwaschene Bilder, die auf ihn zu und an ihm vorbei stürzen. Um des Zieles der Reise willen wird die Strecke elimimiert. Doch nicht nur die sichtbare Umgebung verflüchtigt sich zu Schemen. Der komfortabel verpackte Passagier wird auch seiner übrigen Sinne beraubt. Die vom Vehikel "durchbohrte", "vergewaltigte" Umgebung verliert ihre visuellen, taktilen, akustischen und Geruchs-Qualitäten.

Nun jedoch, in Virilios neuem großen Essay "Rasender Stillstand", erfahren wir, daß der modernisierte Personentransport nur die vorletzte Stufe in der Geschichte der Geschwindigkeitsrevolution darstellte. Die Klimax ist erreicht, wo die "statischen Vehikel" der audiovisuellen Medien das Feld beherrschen. Es handelt sich um eine nun total gewordene Dynamik: um die rasende, unaufhörliche Ankunft von Bildern. Diese Dynamik jedoch verurteilt den Zuschauer und Mitspieler im Dauer-Video zur Immobilität. Per Bildschirm vermag er potentiell allgegenwärtig zu sein, ohne sich auch nur vom Platz zu rühren. Die unaufhörliche Ankunft der Bilder im komfortablen Heim der Video-Kontrolleure tritt an die Stelle der eiligen Flucht der Automobilisten und Jet-set-Nomaden.

Nun interessieren Virilio keineswegs die sinistren Horror- und Pornostories der Videokultur. Er verfolgt vielmehr die Techniken der Direktübertragung in Realzeit, die alles – den nahen Alltag wie die fernsten Ereignisse – unmittelbar ins Bild setzen. Die Menschen werden so zu allgegenwärtigen Voyeuren und zugleich zu Protagonisten oder Statisten einer von Überwachungskameras gefilmten Wirklichkeit. Sie sind, im doppelten Sinne, "im Bilde". Gerade dadurch jedoch verliert für sie die Realität ihr Eigengewicht. Die "tellurische Kontraktion" schreitet fort. Die "Tiefe der Zeit" augenblicklicher Allgegenwart verdrängt die "Tiefe des Raumes"; die "Realzeit" der Direktübertragung ersetzt die Perspektive des "Realraumes" der Renaissance; die statische Omnipräsenz tritt an die Stelle der ausgreifenden, weltergreifenden menschlichen Tätigkeit.

Nicht nur der Raum schrumpft zum zweidimensionalen Bild zusammen, auch die Zeitdistanz, die sich nach der Bewältigung räumlicher Entfernungen bemißt, schwindet. Die "Unordnung der Simultaneität" tritt an die Stelle der "Ordnung der Sukzession". In einer ungegliederten Umgebung bleibt das Ego einziger Bezugspunkt. Dieses Ich vermag sich in keinem raumzeitlichen Kontinuum mehr zu lokalisieren, sondern erfährt sich als leeren, ortlosen Bezugspunkt der auf ihn einstürzenden Bilder. Da der Beobachter am Schirm überall zu sein vermag, weiß er nicht mehr, wo er wirklich ist. In dem Moment, in dem er zugleich den Mond durchs Fenster und die Übertragungen der Astronauten im Fernsehen sehen konnte, verlor er endgültig den Erdboden als Fundament unter den Füßen. Seitdem er sich aber außerdem, obwohl auf der Erde, mit Hilfe eines Roboters "selbst" auf dem fremden Planeten fortbewegen kann, kommt ihm auch das Gefühl für sein körperliches Schwergewicht abhanden.

Das Ego als Fluchtpunkt aller Bilder ist also ein leerer Pol ohne Bodenhaftung und Selbstgefühl. Die "Telepräsenz aus der Entfernung" ermöglicht uns, wie Virilio schreibt, "der Einzigartigkeit des Anwesend-Lebenden zu entgehen, um irgend jemand, irgend etwas, irgendwo zu werden". Diese schwindsüchtigen, zu vollkommener Unbeweglichkeit erstarrten Gestalten muten an, als seien sie direkt aus hyperrealen Beckettschen Endspiel-Fiktionen in die simulierte Wirklichkeit der Videospiele entsprungen. Virilio ist nicht zimperlich mit seinem Vokabular: Er spricht von Mehrfachbehinderten, von Invaliden, von Autisten.

"Wie sollte man", so resümiert Virilio, "unter diesen Bedingungen nicht die Rolle des LETZTEN VEHIKELS erahnen: aus seinem Bewohner diesen Reisenden ohne Reise, diesen Passagier ohne Passage zu machen, den letzten Fremden, Überläufer seiner selbst, gleichzeitig verbannt aus der äußeren Welt, diesem realen Raum einer geophysikalischen Ausdehnung, die auf dem Weg ist zu verschwinden, und verbannt aus der inneren Welt; diesem tierischen Körper fremd, dieser Gewichtsmasse fremd, die ebenso geschwächt ist, wie es nunmehr diejenige des territorialen Körpers des Planeten ist, der sich auf dem Weg der fortgeschrittenen Vernichtung befindet?" Virilios exakte Phantasie liefert uns forcierte Bilder der Wirklichkeit, so als wollte er die flache und flüchtige, stumpfe und sterile Präsenz der Medienbilder durch visionäre Zuspitzungen parieren. Im Duell mit einer technologisch hochgerüsteten Realität ficht er virtuos mit einem hochartifiziellen, technizistischen Vokabular. Virilio verbindet technische Deskription, wissenschaftliche Spekulation, philosophische Interpretation und künstlerische Imagination. Diese verschiedenen Sichtweisen und Stilebenen verschärfen einander gegenseitig; sie verdichten sich zu einem vielschichtigen literarischen "Bild" von einer Welt, die vom Bildschirm verschluckt zu werden droht.