Der Prophet Mohammad hatte de Gleichheit aller Muslime verkündet: „Vor dem Throne Allahs sind der schwarze Abessinier und der arabische Edelmann gleich.“ Doch in der Praxis gab es stets eine ausgesprochene Völkerhierarchie. An der Spitze standen die Araber, das Volk des Propheten, ihnen folgten die Perser und Türken. Die Kurden nahmen einen Platz am Ende der Skala ein.

Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Die überkommenen Vorurteile der Staatsvölker jener Länder, in denen die Kurden leben, also des Irak, des Iran und vor allem der Türkei, bilden die psychologische Grundlage für de staatliche Verfolgung der kurdischen Minderheit.

Islamisiert wurden die Kurden, ein westiranisches Volk, angeblich Nachkommen der antiken Meder, im 7. Jahrhundert. Heute gehört die überwiegende Mehrheit des etwa zwanzig Millionen Menschen zählenden Kurdenvolkes zum sunnitischen Islam. Ein kleiner Teil der fünf Millionen iranischen Kurden gehört der Schia an, der Staatsreligion Irans. Ihre Glaubensbrüder auf türkischem Gebiet werden Alawiten genannt, also Anhänger des Ali, des ersten schiitischen Imam. Neben Sunniten und Schiiten finden sich in den verschiedenen Teilen Kurdistans auch Anhänger heterodoxer Sekten, in deren Glaubenswelt Spuren älterer iranischer und semitischer Religionen deutlich zu erkennen sind, wie die Yazidi oder die mystische Sekte der Ahlehaq, der „Leute der Wahrheit“.

Die neuere Geschichte der Kurden beginnt mit der Entstehung des Osmanischen Reiches im 15. Jahrhundert und mit dem persischen Nationalstaat der schiitischen Safawiden zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Zwischen diesen beiden Staaten wurde das kurdische Gebiet geteilt. In Konstantinopel, der Hauptstadt des Osmanischen Reiches, herrschte zu dieser Zeit Sultan Salim. Er war nicht nur ein grausamer Despot, sondern auch ein eifriger sunnitischer Glaubenskämpfer. Salims Gegenspieler, Schah Ismael von Persien, der die Schia im Iran einführte, stand dem osmanischen Zeloten an religiöser Unduldsamkeit nicht nach. So begann ein religiös verbrämter, blutiger Machtkampf zwischen den beiden Reichen, der zweihundert Jahre dauerte und sich hauptsächlich auf kurdischem Gebiet abspielte. Dabei standen, als Hilfsgruppe der Osmanen oder Perser, Kurden gegen Kurden – Bauernopfer auf dem Schachbrett der Großen.

Im Jahre 1513, kurz vor Beginn des Persisch-Türkischen Krieges, schloß Sultan Salim mit 23 kleinen kurdischen Fürstentümern einen Vertrag, der diesen Selbstverwaltung im Rahmen des Osmanischen Reiches gewährte. An ihren bescheidenen Höfen wurden kurdische Sprache, Literatur und Brauchtum gepflegt und gefördert.

Die türkische Niederlage vor Wien im Jahre 1683 bescherte den Kurden das Ende der Freiheit. Konstantinopel begann, die kurdischen Emirate in Verwaltungsprovinzen der Hohen Pforte umzuwandeln. Der zunehmende Druck der Zentralmacht mündete im 19. Jahrhundert in eine Reihe kurdischer Aufstände, die blutig niedergeschlagen wurden. So berichtet der deutsche Feldherr Helmuth von Moltke, der als junger Offizier am Hofe des Sultans diente: „Neben mehreren tausend Stück Vieh kamen heute sechshundert Gefangene an. Die Hälfte sind Weiber mit kleinen Kindern. Daß es aber auch Kinder mit Bajonettstichen gibt, wirft ein trauriges Licht auf die ganze Handlung. Selbst Säuglinge werden vor den Pascha gebracht und ebenso mit fünfzig bis hundert Piaster bezahlt, wie Haufen von abgeschnittenen Ohren und Köpfen. Der schweigende Kummer der Kurden, die laute Verzweiflung der Frauen gewährte einen herzzerreißenden Anblick.“

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts reifte bei den Kursen wie auch bei den anderen islamischen Völkern allmählich das Nationalbewußtsein. Den Kurden schwebte ein eigener Staat vor, der sich südlich des Berges Ararat bis tief nach Anatolien, Persien und in das Euphrattal erstrecken sollte. Die Chance dazu kam mit dem Ende des Ersten Weltkrieges.