Es gibt Bücher, auch solche der Theorie, die einen durch das Leben begleiten, ohne daß man sich dessen recht bewußt wird. Erst beim Wiederlesen nach Jahren oder Jahrzehnten erlebt man plötzlich das unvermutete Gefühl von Heimatlichkeit und Verwandtschaft mit eigenen Vorstellungen – bis man gewahr wird und sich eingestehen muß, daß vieles von dem, was man für eigene Anschauung gehalten hat, etwas Angelesenes und bestenfalls Angeeignetes ist, daß das vor langer Zeit Aufgenommene weitergewirkt und sich mit anderen Eindrücken und Erfahrungen unauflösbar vermengt hat.

Käte Hamburgers Studie „Die Logik der Dichtung“ ist so ein Fall. Schon gleich nach dem Erscheinen 1957 löste das Buch einen erbitterten Streit unter Wissenschaftlern aus, was nicht verhindern konnte, sondern geradezu gefördert hat, daß es in verschiedenen, zum Teil revidierten Auflagen zu einem internationalen Standardwerk wurde.

Es wirkt heute noch überraschend, wie die Literaturwissenschaftlerin hier vor unseren Augen ein System des Erzählens entwickelt, in dem der für dieses Jahrhundert wichtige Ich-Roman eigentlich keinen Ort hat. Dabei ist ihr System weder rückwärtsgewandt noch altbacken, vielmehr theoretisch ganz auf der Höhe seiner Zeit und in sich völlig schlüssig. Was das Wesen literarischer Fiktion ausmacht, ist zuvor so eigenwillig und folgerichtig nicht beschrieben worden.

Käte Hamburger wurde 1896 in Hamburg geboren und promovierte 1922 im philosophischen Fach mit einer literaturwissenschaftlichen Arbeit. Schon früh interessierte sich die begeisterte Leserin Goethes und Schillers für die allerneueste Literatur. Als sie 1932 Thomas Mann einen ihn betreffenden Aufsatz schickte, sprach er von einer „starken kritischen Begabung“, die sich gewiß eines Tages „an den würdigsten Gegenständen“ bewähren werde. Vorerst mußte Käte Hamburger aus Deutschland fliehen: 1933 ging sie nach Frankreich, im Jahr darauf nach Schweden, wo sie bis 1956 blieb. Dann erst kehrte sie zurück und arbeitete zwanzig Jahre lang als Hochschullehrerin in Stuttgart.

Kaum eines ihrer Bücher über Literatur – ob „Wahrheit und ästhetische Wahrheit“ (1979), „Das Mitleid“ (1985) oder zuletzt „Ibsens Drama in unserer Zeit“ (1989) – konnte und wollte die philosophische Schulung verbergen: eigenständiges Œuvre einer eigenwilligen Forscherin und außerordentlichen Stilistin. Käte Hamburger ist in der vergangenen Woche in Stuttgart gestorben, 95 Jahre alt.

Volker Hage