Warum haben die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges nicht ernsthaft versucht, Kernwaffen herzustellen? Diese Frage hat seit 1945 viele Autoren, vor allem im Ausland, umgetrieben. Zu den unterschiedlichsten Gründen, die genannt wurden, zählen die angebliche Unfähigkeit der deutschen Wissenschaftler, ihre moralischen Skrupel, die demotivierende Wirkung des NS-Regimes, Hitlers Unverständnis für die moderne Physik und das Fehlen der Ressourcen, die notwendig waren, um bei angespannter Kriegslage ein solch aufwendiges Projekt zu verwirklichen.

Es läßt sich aber auch eine ganz andere These aufstellen und begründen: Die Gefahr, daß eine deutsche Atombombe gebaut wurde, war viel größer, als man bisher angenommen hat. Die Atomphysiker Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker hatten 1941 vor, Hitler persönlich von der Wichtigkeit der Atomwaffe zu überzeugen. Sie konnten diese Absicht jedoch nicht verwirklichen, nachdem Heisenberg im September 1941 den dänischen Physiker Niels Bohr aufgesucht hatte und feststellen mußte, daß Bohr trotz der deutschen Siege fest auf Seiten der Alliierten stand. Da Heisenberg und Weizsäcker nach dem gescheiterten Gespräch den Vorwurf des Landesverrats fürchten mußten, sahen sie sich schon um des eigenen Überlebens willen gezwungen, von nun an das deutsche Atombombenprojekt zu hintertreiben.

Nach Auffassung des amerikanischen Historikers Mark Walker, dessen Buch „Die Uranmaschine. Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe“ 1990 in Deutschland erschien, hatte das Heereswaffenamt ohne Mitwirkung der Forscher entschieden, die Bombe nicht zu bauen. Bis zum Herbst 1941 habe man geglaubt, der Krieg könne bald siegreich beendet werden, so daß Atombomben und andere Wunderwaffen nicht erforderlich seien. „Als die Kriegslage und die Fortschritte der Forschung eine Neueinschätzung des Projekts erforderlich machten, gelangte das Heer zu dem Schluß, daß es weder ratsam noch zu verantworten sei, das Kernenergieprojekt in großindustriellem Maßstab auszubauen.“ Im historischen Kontext hält Walker dies für „vernünftig und gerechtfertigt“.

Bei seiner Sicht der Dinge mißt Walter auch dem Bohr-Heisenberg-Gespräch eine nur untergeordnete Bedeutung zu. Die Unterredung habe wenig mit dem Bau einer deutschen Atombombe oder deren Verhinderung zu tun gehabt, vielmehr dem Versuch gedient, „Bohr und seine Mitarbeiter zur kulturellen Zusammenarbeit mit dem Reich zu bewegen“.

Walker konnte, als er seine Dissertation schrieb, noch nicht berücksichtigen, daß Carl Friedrich von Weizsäcker seit Mitte der achtziger Jahre, im Widerspruch zu seinen früheren Aussagen, auf drei Sachverhalte hingewiesen hat:

  • Er und Heisenberg waren 1940/41, wie die meisten Deutschen, von Hitlers Sieg überzeugt.
  • Er befürwortete den Bau einer deutschen Atomwaffe.
  • Er hatte die Absicht, mit Hitler über den Bau der Atombombe und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu sprechen.

Wer 1941 an den Sieg Deutschlands glaubte und von der Möglichkeit wußte, daß in den USA an Atomwaffen gearbeitet wurde, der konnte sich nicht bei dem Gedanken beruhigen, daß diese Waffe im Krieg keine Rolle mehr spielen würde. Ein deutscher Sieg würde sich bald als Pyrrhussieg herausgestellt haben, wenn Amerika ein paar Jahre später über Atomwaffen verfügt hätte, um Deutschland zu zwingen, seine Eroberungen wieder herauszugeben. Das war den führenden Atomphysikern wie Heisenberg und Weizsäcker durchaus bewußt.

Weizsäcker hatte bereits im Frühjahr 1939 mit seinem Freund Georg Picht darüber geredet, daß „man vermutlich eine Bombe machen könne“ und daher „von diesem Tage an die Weltgeschichte anders aussieht als zuvor“. Heisenberg hatte im Sommer 1939 in den USA mit dem aus Italien emigrierten Atomphysiker Enrico Fermi über die Atombombe gesprochen und bei seiner Rückkehr im Familienkreise erzählt, daß man mit einer solchen Bombe „New York in Weißglut“ versetzen könnte. Wer diese Waffe besäße, wäre in der Lage, die Welt zu erpressen.

Da Heisenberg und Weizsäcker den Bestand des Deutschen Reiches nach siegreicher Beendigung des Krieges auf Dauer gesichert sehen wollten, mußten sie Hitler über die Chancen und Risiken der Atomwaffe informieren. Weizsäcker hat das einleuchtend begründet: „Hitler konnte sich das von sich aus nicht ausdenken, weil niemand, der nicht Physiker war, sich das von sich aus ausdenken konnte.“

Entsprechend war die Situation bei den Alliierten. Churchill wurde 1940 durch seinen Wissenschaftsberater Lindemann über die Wirkung von Kernwaffen unterrichtet. Auch in den Vereinigten Staaten wäre es ohne Einschaltung Roosevelts nie zum Bau der Atombombe gekommen, und auch hier waren es die Wissenschaftler, die den Präsidenten zum Handeln drängten. Sogar in der von den Deutschen angegriffenen Sowjetunion diskutierte Stalin im August 1942 mit den wichtigsten Kernphysikern die Perspektive eines Atombombenprojekts. Die Frage lautet also, warum Hitler nicht von kompetenter Seite informiert wurde.

Eine falsche Antwort hierauf gab Robert Jungk im Jahre 1956, als er, von Heisenberg und Weizsäcker ausführlich informiert, schrieb: „Was konnte man nun tun, um den Zusammenbruch zu mildern und die Schlußphase des Krieges für Deutschland weniger schrecklich werden zu lassen? Das muß wohl die Gewissensfrage gewesen sein, die Heisenberg sich stellte, als er beschloß, mit einem einflußreichen ausländischen Freund über die Atombombe zu sprechen“ (Robert Jungk, „Heller als tausend Sonnen – Das Schicksal der Atomforscher“).

Heisenbergs Absicht sei es gewesen, durch sein Gespräch mit Bohr „die Herstellung dieser aus moralischen Gründen verwerflichen Waffe durch eine Übereinkunft der deutschen und der alliierten Atomforscher“ zu verhindern. Wenn sich auch diese Deutung inzwischen als unzutreffend erwiesen hat, so spricht doch sehr viel dafür, daß gerade wegen des negativen Verlaufs des Bohr-Heisenberg-Gesprächs Hitler von den Möglichkeiten der Atombombenherstellung nichts erfahren hat. Dies war für die weitere Entwicklung des deutschen Kernwaffenprojekts von entscheidender Bedeutung.

Auffallend ist die Tatsache, daß sich Bohr selber nach dem Krieg niemals öffentlich über sein Gespräch mit Heisenberg geäußert hat und die Diskussion über dieses Thema daher fast ausschließlich von den Versionen beherrscht wurde, die Heisenberg und Weizsäcker darüber verbreitet haben.

Geändert hat sich das, als der russische Physiker E.L. Feinberg im Jahre 1985 auf der Gedenkfeier zu Bohrs 100. Geburtstag seine Notizen verlas, die er 1961 anläßlich eines Besuchs von Bohr in Moskau angefertigt hatte. Diese Notizen hat Feinberg 1989 in der russischen Zeitschrift Znamya veröffentlicht („Heisenberg. Tragik eines Wissenschaftlers“, Heft 3). Die Übersetzung des russischen Textes lautet:

„Heisenberg ist ein sehr ehrlicher Mensch, aber es ist erstaunlich, wie ein Mensch fähig ist, seine Meinung zu vergessen, wenn er sie allmählich ändert. Heisenberg kam im Herbst 1941, als Hitler Frankreich erobert hatte und in Rußland schnell vorrückte. Er sagte, daß der Sieg Hitlers unvermeidlich und derjenige dumm sei, der daran zweifle.“ Die Nazis hätten zwar keine Achtung vor der Wissenschaft, doch „man müsse sich zusammentun und Hitler helfen, denn wenn er gesiegt habe, würde sich das Verhältnis zu den Wissenschaften ändern“. Bohr gewann aus dem Gespräch den Eindruck, daß Heisenberg im Begriff stand, sich mit seiner ganzen Energie dem Bau einer deutschen Atombombe zu widmen.

Wichtig ist, daß Weizsäcker die von Feinberg wiedergegebene Version der Kopenhagener Gesprächseröffnung inzwischen im Kern bestätigt hat. Danach „überrascht“ es Weizsäcker nicht, daß Heisenberg, „als der Krieg gegen Rußland begonnen hatte, den deutschen Sieg erwartete und auch wünschte“. Er spricht von einer „gewissen Inkonsistenz in Heisenbergs Meinungen über den Ausgang des Krieges“ und schreibt: „Meine Empfindungen waren in jenem Augenblick nicht anders.“

Schon vor dem Vortrag Feinbergs hatte Weizsäcker bei mehreren Gelegenheiten Einzelheiten preisgegeben, die sich von seinen früheren Schilderungen wesentlich unterscheiden. So ist inzwischen keine Rede mehr davon, es sei für ihn und Heisenberg ein schrecklicher Gedanke gewesen, Hitler die Atombombe zu geben. Vielmehr hat Weizsäcker wiederholt darauf hingewiesen, daß er während des Krieges sehr interessiert war, mit Hitler über die Atombombe zu sprechen. Auch hatte er nach eigener Angabe keine Skrupel, die Bombe zu bauen, denn es nicht zu wollen, hätte er „damals mit aller Entschlossenheit als Feigheit angesehen“.

Hitler war für Weizsäcker „ein Instrument der Vorsehung“. In ihm sah er den Mann, der die „Schlüssel der Zukunft“ in Händen hielt, und ihn wollte er auf sich aufmerksam machen, als er 1940 das Heereswaffenamt in einem Bericht darauf hinwies, wie man Atomwaffen aus Plutonium herstellen kann: „Ich dachte, wenn ich mit Hitler rede, dann werde ich ihm sagen, was ihm all seine Unterlinge nicht vortragen. Und dann wollen wir mal sehen, ob dieser Hitler, der zwar ein schrecklicher Mann, aber auch hoch begabt ist, nicht darauf anspringt.“ Weizsäcker wollte aber nicht nur Hitler über die Atombombe informieren, sondern war zugleich von der Idee fasziniert, auf diesem Wege einen „Zugriff zur Macht“ zu erlangen. Von der Vorstellung einer politischen Karriere unter Hitler war er „zutiefst umgetrieben“ und hatte das Gefühl, „wenn ich nicht Politik mache, dann verrate ich das, was ich zu tun habe“.

Heute betont Weizsäcker, daß sein Wunsch, mit Hitler zu sprechen, von friedlichen Absichten bestimmt war. Die deutsche Atombombe sollte einer Politik des Friedens dienen, zu der er Hitler überreden wollte. Selbstverständlich konnte es sich bei diesem Frieden, den Weizsäcker damals meinte, nur um eine Pax Germanica handeln: Das unter deutscher Führung vereinte Europa sollte vor jedem Angriff sicher sein. Die nach England emigrierten Atomphysiker R. Peierls und O. Frisch hatten im Frühjahr 1940 in einem Begleitbrief zu ihrem Memorandum für die britische Regierung, in dem sie vor der Gefahr deutscher Atombomben warnten, vergleichbare Überlegungen geäußert: „Die wirkungsvollste Antwort auf eine solche Waffe wäre wohl die Drohung, mit einer ähnlichen Waffe zurückzuschlagen.“

Nur „zögernd“ konnte Weizsäcker mit Heisenberg über Politisches reden. Doch ohne den „führenden Kopf der deutschen Atomphysiker Heisenberg wäre eine Unterredung Weizsäckers mit Hitler wenig sinnvoll gewesen. Für den überaus ehrgeizigen Heisenberg, dem Weizsäcker ein „tief internalisiertes Obrigkeitsdenken“ nachsagt, muß die Vorstellung, Hitler wegen der Atombombe aufzusuchen, verlockend und beunruhigend zugleich gewesen sein. Es leuchtet ein, daß er darauf möglichst perfekt vorbereitet sein wollte. Weizsäcker riet ihm, das ganze Atombombenprojekt noch einmal mit Bohr in Kopenhagen zu besprechen.

Zwanzig Jahre zuvor hatte Heisenbergs „eigentliche wissenschaftliche Entwicklung“ – er war damals kaum zwanzigjährig – während seines Studiums in Göttingen auf einem Spaziergang mit Bohr begonnen. Daß er jetzt, da sein Leben wieder an einem entscheidenden Wendepunkt angekommen war, das Bedürfnis verspürte, sich mit diesem vertrauten Freund auszusprechen, der wie kein anderer die Materie beherrschte, ist unschwer einzusehen. Der Zeitpunkt schien ideal zu sein, denn Heisenberg berichtete später: „Wir sahen eigentlich von September 41 eine freie Straße zur Atombombe vor uns.“

Auch Weizsäcker hatte ein großes Interesse, den seit der Besetzung Dänemarks durch die deutsche Wehrmacht unterbrochenen Kontakt zu Bohr wieder aufzunehmen. Für ihn war der „philosophisch deutsch geprägte Bohr“ eine „faustische Gestalt“ in der „titanischen Tradition des deutschen Denkens“. Schon mit neunzehn Jahren hatte Weizsäcker seine erste Begegnung mit Bohr als „Erlösung“ empfunden. Später erinnerte er sich: „Hier war ein anerkannter, ein großer Physiker, der sich nicht, wie alle anderen Physiker, die ich kennengelernt hatte, um das Leiden an der eigenes Erkenntnis drückte.“

Die Tatsache, daß Bohr Ausländer war und sie selber zu strengstem Stillschweigen über das Atomprojekt verpflichtet waren, scheinen Heisenberg und Weizsäcker auf die leichte Schulter genommen zu haben. Sie konnten sich anscheinend nicht vorstellen, daß Bohr so „unrealistisch“ sein könnte, die politische Lage nach dem Beginn des Rußlandkrieges anders zu beurteilen, als sie das taten.

Wie aus einem privaten Brief des Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker, vom 3. Mai 1941 hervorgeht, war der Plan des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion seinem Sohn Carl Friedrich und damit wohl auch Heisenberg lange vor dem 22. Juni 1941 bekannt. Im Unterschied zu seinem Vater befürwortete der Sohn den Rußlandkrieg. Dieser „Feldzug“ schien ein vereintes Europa unter deutscher Führung zu verwirklichen – eine Aussicht, die sogar Männer des Widerstandes wie Carl Goerdeler und Ulrich von Hassell verlockend fanden.

Vom besetzten Dänemark, das damals im Auswärtigen Amt wie ein Modell eines von Deutschen besetzten Landes betrachtet wurde, erwartete man die Anerkennung der deutschen Führungsrolle. Wenn Heisenberg und Weizsäcker glaubten, Bohr werde es auch so sehen, war das ein schwerer Irrtum. Doch Bohr war eben nicht nur „das Haupt der Schule der Atomwissenschaftler unseres Jahrhunderts“, sondern auch ein dänischer Staatsbürger, der sich mit einer deutschen Vorherrschaft nicht abfinden konnte. Vielmehr wollte er ganz untitanisch mit seinen Landsleuten in einem unabhängigen und demokratischen Staatswesen leben.

Heisenberg war sich seiner Freundschaft so sicher, daß ihm der Gedanke an Landesverrat völlig fernlag, als er Bohr im Hochgefühl der deutschen Siege zu verstehen gab, die moderne Physik werde auch in einem von Hitler beherrschten Europa einen hervorragenden Platz einnehmen. Es trifft also nicht zu, daß Heisenberg aus Furcht vor der Gestapo übervorsichtig war und sich deshalb unklar ausdrückte.

In feindlichen Lagern

Im Gegenteil: Er verhehlte Bohr keineswegs seine Überzeugungen. Gerade durch diese auf jede Vorsicht verzichtende Offenheit brachte Heisenberg sich in eine schwierige Situation, weil Bohr ihm ebenso freimütig antwortete und es damit klar wurde, daß sie sich in verschiedenen, einander feindlichen Lagern befanden. Jetzt erst dürfte Heisenberg erkannt haben, daß er zuviel gesagt hatte und befürchten mußte, Bohr werde „ausplaudern“. Selbst Weizsäcker gibt heute zu bedenken: „Man kann sich fragen, warum hat Heisenberg nicht in der ersten Minute gesagt: Ich werde dir jetzt etwas sagen. Wenn das bekannt wird, bin ich ein toter Mann. Deshalb halte den Mund!“

Fünfzehn Minuten nach seinem Spaziergang mit Bohr berichtete Heisenberg seinem Freund Weizsäcker über den negativen Ausgang seines Gesprächs. Vermutlich aus Rücksicht auf den verstorbenen Heisenberg, der nicht mehr von früheren Darstellungen abrücken kann, bleibt Weizsäcker bis heute bei der alten Version, wonach es „vollkommen schiefgegangen“ sei, weil Bohr unfähig war, richtig zuzuhören. Er verschweigt, daß er und Heisenberg außerordentlich schockiert gewesen sein müssen, als ihnen klarwurde, in welche lebensgefährliche Lage sie sich gebracht hatten. Elisabeth Heisenberg schrieb über die Reaktion ihres Mannes nach dem gescheiterten Gespräch: „Ihn traf diese psychologische Situation ganz unerwartet und stürzte ihn in Verwirrung und Verzweifelung.“

Strategie der Tarnung

Tatsächlich hat Bohr sofort im Anschluß an die Unterredung seinen Freunden in Kopenhagen von Heisenbergs Ansinnen erzählt. Kurze Zeit später hörte Lise Meitner in Stockholm von dem Besuch der beiden deutschen Physiker und schrieb an Max von Laue in Berlin: „Ich wurde sehr melancholisch, als ich davon hörte. Ich hatte sie einmal für anständige Menschen gehalten. Sie sind in die Irre gegangen.“

Später erfuhren die Atomwissenschaftler in den USA durch Bohr – er war über Stockholm und London nach Amerika geflohen – von dem Besuch der deutschen Physiker. Mit der Zeichnung eines Atomreaktors, die Heisenberg 1941 Bohr übergeben hatte, befaßte sich in Los Alamos eine Expertenkommission. Über die sich daraus ergebenden waffentechnischen Schlußfolgerungen berichtete der wissenschaftliche Leiter des Manhattan-Projekts zum Bau der amerikanischen Atombombe, Robert Oppenheimer, seinem Vorgesetzten, General Groves. Oppenheimer notierte sich: „Heisenberg und von Weizsäcker kamen von Deutschland her, Bohr hatte den Eindruck daß sie weniger kamen, um zu erzählen, was sie wußten, als vielmehr um zu hören, ob Bohr etwas wußte, was sie nicht wußten.“

Nachdem das Gespräch mit Bohr einen für sie so bedrohlichen Verlauf genommen hatte, müssen Heisenberg und Weizsäcker sehr schnell und umsichtig eine Strategie der Tarnung und persönlichen Schadensbegrenzung entwickelt haben. Jedenfalls ließen sie von ihrer Idee ab, Hitler wegen der Atombombe aufzusuchen. Unkenntnis der Staatsführung über die Wichtigkeit der Atomforschung war der beste Schutz gegen den Vorwurf des Landesverrats. Weizsäcker meinte dazu kürzlich: „Wenn gesagt worden wäre, daß wir etwas wahnsinnig Wichtiges machen, wären wir genau beleuchtet worden.“

Es fällt auf, daß sie auch darauf verzichteten, bei den deutschen Geheimdiensten anzuregen, etwas über das in den USA anlaufende Atombombenprojekt in Erfahrung zu bringen. Überdies verstanden sie es, das deutsche Atomprogramm unter ihrer Kontrolle zu halten und bei entsprechender Gelegenheit höchste Kompetenz zu beweisen. Sie zeigten sich hervorragend informier, gaben aber der Wehrmacht und dem Rüstungsminister Albert Speer zugleich äußerst pessimistische Informationen über die Chancen, ein Kernwaffenprojekt in die Tat umzusetzen.

An der entscheidenden Sitzung mit Speer am 4. Juni 1942 nahm Weizsäcker, der auf seinen Bericht an das Heereswaffenamt hätte angesprochen werden können, nicht teil. Heisenberg verschwieg die von ihm für am ehesten realisierbar gehaltene Möglichkeit, Atombomben aus Plutonium herzustellen.. Den Rüstungsminister führte er in die Irre, indem er sich einerseits über mangelnde Urterstützung beklagte und anderseits so lächerlich geringe Forderungen stellte, daß Speer jedes Inteiesse verlor, „die Sache nicht mit Leidenschaft“ bei Hitler vortrug und dieser am 23. Juni 1942 erwartungsgemäß negativ reagierte.

Speer hat die Sache „betont kurz“ erwähnt, weil er auch gar nicht wollte, daß die Experten, die er für weltfremd hielt, Gelegenheit bekamen, Hitler für ein Atomwaffenvorhaben zu erwärmen. Den Spiegel sagte er: „Als die V-2-Leute – es war ein Fehler zuzulassen, daß sie ihre Sache selber vortrugen – mit ihren Plänen Gehör fanden, kam eine Lawine auf uns zu. Um eine solche Welle von Befehlen zu vermeiden, habe ich das Atomprojekt nicht so groß dargestellt, sondern ganz zurückhaltend darüber berichtet.“

Durch ihr Verhalten hatten Heisenberg und Weizsäcker das Kernwaffenprojekt derartig diskreditiert, daß Hitler die Sache nicht mehr ernst nahm, als Reichspostminister Wilhelm Ohnesorge ihm bald darauf einen Vortrag über de Atombombe hielt; Ohnesorge hatte sein Wissen von dem Atomphysiker Manfred von Ardenne.

Nach dem gescheiterten Gespräch mit Bohr hat Weizsäcker darauf verzichtet, an die „Schalthebel der politischen Macht“ zu gelangen. Statt dessen wurde er Professor an der „Reichsuniversität“ Straßburg, wo er bereits im Frühjahr 1942 mit Vorlesungen begann. Zugleich veröffentlichten er und Heisenberg Bücher und Zeitschriftenartikel, die mit Atomphysik nichts zu tun hatten; auch reisten sie häufig ins besetzte und nicht besetzte europäische Ausland – alles Tätigkeiten, die Weizsäcker selber im Hinblick auf den Bau einer deutschen Atombombe als „Allotria“ bezeichnet hat. Dies konnte von den alliierten Nachrichtendiensten keineswegs übersehen werden. Immerhin hatte Albert Einstein in mehreren Briefen an den amerikanischen Präsidenten Roosevelt die Gefährlichkeit der deutschen Bemühungen um eine Atomwaffe damit begründet, daß in Berlin unter Leitung Weizsäckers, dem Sohn des Staatssekretärs, Uranarbeiten betrieben würden.

Erneuertes Gedächtnis

Roosevelt und sein Wissenschaftsberater Bush waren, wohl aufgrund von Geheimdienstberichten über die auffälligen Auslandsreisen Heisenbergs und Weizsäckers, bereits seit 1942 nicht mehr beunruhigt, daß die Deutschen ihnen mit der Atombombe zuvorkommen könnten. Doch ihre Erkenntnisse gaben sie keineswegs an ihre von der Außenwelt isolierten Atomphysiker weiter oder nahmen sie gar zum Anlaß, das Manhattan-Projekt zu stoppen. Unabhängig von einer Bedrohung durch die Deutschen stellte die Bombe inzwischen für Roosevelt „einen Gewinn für die offensive Kriegführung dar“. Wieder hatten sich Heisenberg und Weizsäcker gründlich getäuscht, was besonders Heisenbergs Überraschung erklärt, als er im August 1945 in englischer Gefangenschaft vom Abwurf der amerikanischen Atombombe auf Hiroshima hörte. Er hatte geglaubt, daß die Wissenschaftler in den USA seine vielen unzweideutigen Signale (die Auslandsreisen nach dem Gespräch mit Bohr) erhalten und von dem Plan einer Atombombe ebenso abgelassen hätten wie ihre Kollegen in Deutschland.

Nach dem Ende des Krieges verstanden es Heisenberg und Weizsäcker, aus der ganzen Sache das für sie Beste zu machen. Es fiel ihnen nicht schwer, ihr vor allem vom Willen zum Überleben motiviertes Verhalten nun moralisch zu stilisieren. Das hat Bohr ebenso überrascht wie befremdet. Er wunderte sich, daß ein Mensch nachträglich seine ursprünglichen Ansichten vollkommen vergessen konnte. Auch der amerikanische Autor Walker bescheinigt den deutschen Atomphysikern, sie hätten nach 1945 ihr Gedächtnis erneuert und ihr späteres Bewußtsein vordatiert.

Weizsäcker war es, der als erster die Chance erkannte, die Tatsache der erzwungenen Passivität zu nutzen, um den verlorengegangenen Anschluß an die internationale Gemeinschaft der Wissenschaftler zurückzugewinnen. Schon während der Internierung in Farm Hall äußerte er: „Wenn wir gewollt hätten, daß Deutschland den Krieg gewinnt, hätte uns der Bau der Atombombe gelingen können.“

„Kontrollierte Schizophrenie“

In den fünfziger Jahren erreichte die Politik der Desinformation einen Höhepunkt, als Heisenberg und Weizsäcker die Gelegenheit wahrnahmen, Robert Jungk ihre „Weißwasch-Version zu verkaufen“. Verbittert meinte Jungk kürzlich, die beiden deutschen Physiker seien Persönlichkeiten, die nicht nur „mit zwei Zungen reden, sondern auch mit zwei Köpfen denken und fühlen“. Er nannte das „kontrollierte Schizophrenie“.

Der ganze Rechtfertigungsmythos ist allerdings von untergeordneter Bedeutung gegenüber der Frage, inwieweit das gescheiterte Bohr-Heisenberg-Gespräch für den Verlauf des Krieges von Belang war. Der heutige Konsens besagt: Ein Sieg Hitler-Deutschlands war nicht wünschenswert und hätte für die Menschheit katastrophale Folgen gehabt. Diese Feststellung ist aber kein Beweis dafür, daß die deutsche Niederlage „programmiert und unvermeidlich“ war.

Immerhin gibt es Indizien, die darauf hindeuten, daß ein im Herbst 1941 auf Anordnung Hitlers gestartetes deutsches Atombombenprojekt mit geringerem Aufwand und schneller Kernwaffen hätte produzieren können als das amerikanische Manhattan-Unternehmen. Die bisher überwiegend vertretene These, daß technische und kriegswirtschaftliche Umstände den Bau einer deutschen Atombombe verhindert haben, wäre jedenfalls nur dann überzeugend, wenn entweder ein hinreichend informierter Hitler den ernsthaften Versuch eines industriellen Projekts abgelehnt hätte oder ein von ihm befohlener Versuch gescheitert wäre.

Ob der immer wieder angeführte alliierte Luftkrieg eine großangelegte deutsche Atomwaffenherstellung verhindert hätte, muß bezweifelt werden, da es möglich war, die Rüstungsproduktion für viele Waffenarten von 1940 bis gegen Kriegsende teilweise um das Neunfache zu steigern. In Farm Hall meinte Heisenberg: „Wir hätten gar nicht den moralischen Mut aufgebracht, im Frühjahr 1942 der Regierung zu empfehlen, 120 000 Mann einzustellen, um die Sache aufzubauen.“ Hier hätte Hitler sicherlich anders geurteilt, wenn es zu dem von Weizsäcker gewünschten Gespräch mit ihm gekommen wäre. Den noch am 28. Juli 1942 hat er erklärt, man dürfe nicht auf eine Verbesserung der Kriegstechnik „zugunsten des menschenmäßigen Volumens der Wehrmacht“ verzichten. „Entscheidend für das Gewinnen eines jeden Krieges ist aber, daß man stets die technisch besten Waffen besitzt.“ Selbst im Falle eines Mißerfolgs hätte ein mit vollem Einsatz 1941/42 begonnenes deutsches Bombenprojekt den Verlauf des Krieges schon dadurch geändert, daß sich die Kriegslage Ende 1941 für Hitler und die militärische Führung wesentich anders, nämlich positiver dargestellt hätte. Konsequenzen hätten sich ebenfalls für den deutschen Widerstand ergeben können. Er war unter anderem deswegen so ohne Aussichten, weil Roosevelt und Churchill seit Anfang 1943 auf der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands bestanden und sich daran auch nach einer Beseitigung Hitlers nichts hätte ändern sollen. Schon der bloße Anschein, daß in Deutschland ernsthaft an Atomwaffen gearbeitet wurde, hätte die Verhandlungsposition einer vom Widerstand gestellten deutschen Regierung gestärkt.

Für Bohrs Schweigen über sein Treffen mit Heisenberg gibt es mehrere Gründe. Vor allem machte es ihm ein Gefühl väterlicher Freundschaft und Nachsicht unmöglich, sich öffentlich mit Heisenberg über ein Gespräch auseinanderzusetzen, dessen Inhalt dieser offenbar weitgehend verdrängt hatte. Zugleich achtete er das Vertrauen und die Verehrung, die der jüngere Heisenberg ihm immer entgegengebracht hatte. Noch eine weitere Überlegung dürfte von Bedeutung gewesen sein: Bis zu seinem Lebensende blieb Bohr fest davon überzeugt, daß Heisenberg im September 1941 entschlossen war, seine ganze Kraft für den Bau einer deutschen Atomwaffe einzusetzen.

Nach dem Krieg wurde klar, daß irgend etwas Heisenberg von seinem Vorhaben abgebracht hatte. Der geschichtsbewußte Bohr hatte kein Interesse daran, einen Kausalzusammenhang zwischen seinem Gespräch mit Heisenberg und dem Scheitern des deutschen Atomprojekts herzustellen. Er wollte daher von sich aus alles vermeiden, was das politische Verhältnis Dänemarks zum deutschen Nachbarn wieder zum Problem hätte machen können.

Bohr war, so könnte man sagen, der eigentliche Held in der Geschichte von „Mythos und Wirklichkeit der deutschen Atombombe“, weil er unbeirrt an seinen Überzeugungen festhielt und, ungewollt, dafür sorgte, daß Heisenberg und Weizsäcker sich selber für einen Wettlauf um die Atombombe disqualifizierten. Dies hatte zur Folge, daß ausgerechnet Hitler, der sich viel leidenschaftlichen für die Entwicklung neuer Waffen interessierte als Churchill, Roosevelt und Stalin, niemals von einem Experten über die folgenschwerste Waffenentwicklung dieses Jahrhunderts informiert wurde.

Als Hitler am 23. Juni 1942 den Tagesordnungspunkt 15 seiner Besprechung mit Speer abhakte, hatte er eine weltgeschichtlich wichtige Entscheidung getroffen. Durch den Verzicht auf den Bau deutscher Atombomben war seine Niederlage unausweichlich geworden. Das galt auch für den Fall, daß es ihm noch gelungen wäre, die damals bevorstehenden militärischen Auseinandersetzungen des Krieges erfolgreich zu bestehen. Selbst nach einem 1942 durchaus noch vorstellbaren Zusammenbruch der Sowjetunion und einem Scheitern der alliierten Invasion hätte Deutschland drei Jahre später vor der waffentechnischen Überlegenheit der USA bedingungslos kapitulieren müssen.