Von Günter Kunert

An einem schönen Sommerabend in Marienbad tragen zwei Männer eine lange Leiter zu einem Haus am Stadtrand, lehnen sie an die Fassade genau zwischen zwei Fenster und klettern hinauf. Hinter den Fenstern sitzt der Philosoph und schreibt. Die Männer ziehen ihre Revolver und schießen ins Zimmer auf den Schreibenden. Die Schützen heißen Eckert und Zischka, der tödlich Getroffene Theodor Lessing und das Jahr neunzehnhundertdreiunddreißig. Lessings Leben ist damit zu Ende, seine „Philosophie der Tat“ bleibt unvollendet. Eckert und Zischka, wie nicht anders zu erwarten, leben ungestört weiter. Eckert, nach dem Kriege in der Tschechoslowakei wegen Beihilfe zum Mord verurteilt, kehrt 1959 in die Bundesrepublik Deutschland zurück und fordert eine „außerordentliche Unterstützung“, da er „viel für das deutsche Volk geleistet“ habe. Zischka hingegen wohnt bis zu seinem Tode 1978 unbehelligt in der Deutschen Demokratischen Republik, in der keiner den Namen Theodor Lessing je gehört hat. Das Parteimonopol in Sachen „Philosophie“ hätte ohnehin jede Publikation lessingscher Bücher und Aufsätze verhindert.

Sowenig Theodor Lessing mit seinem Denken in die Weimarer Republik gepaßt hat, sowenig paßte er in die deutschen Nachfolgestaaten. Er war, mit einem aktuellen Klischee gesagt: ein Querdenker. Und er war, was ihm Feindschaft bis weit übers Grab hinaus eintrug, ein prophetischer Aufklärer, ein unkorrumpierbarer Mahner, ein Satiriker von hohen Gnaden, eine Gestalt, die, dank ihrer Vorahnungen und Weitsicht, der eigenen Epoche unerhört weit vorausgewesen ist.

Lessing entstammte einer alten jüdischen Familie in Hannover, wo er sich, nach wechselnden Studiengängen, auch habilitierte, um an der dortigen Technischen Hochschule als Privatdozent seine Vorlesungen abzuhalten. Man hatte es ihm schon während seiner Studienzeit übelgenommen, daß er Feuilletons schrieb, Theaterrezensionen und Kritiken für die Presse. In Hannover kam es zum Eklat, nachdem er einen Aufsatz über Hindenburg veröffentlicht hatte: Die Rechte, von der NSDAP bis zu den Korporierten, schäumte. Lessing wurde, auch mit physischer Gewalt, von dieser Hochschule vertrieben; er verlor die Lehrerlaubnis und ernährte sich künftig mit Artikelschreiben.

Die Geschichte seines Lebens, in einer außerordentlich einfühlsamen und historisch genauen Biographie von Rainer Marwedel vorliegend, widerspiegelt die Geschichte Deutschlands, vor allem die Geschichte der gescheiterten Symbiose von Juden und Deutschen. Marwedel – und er scheint mir der erste zu sein, der diese Analyse wagt – deckt die psychischen Voraussetzungen und Verknüpfungen jüdischer Bildungsbürger für und mit politischen Emanzipationsbewegungen auf; die Assimilationsversuche, das Zwiespältige, die Ambivalenz, die darin bestand, die jüdische Identität aufzugeben, ohne, im Auge der Umwelt, eine hundertprozentig deutsche erlangen zu können. Aus dieser Situation mußte notwendigerweise ein spezifisches und extrem empfindliches Bewußtsein erwachsen, das subtil auf jegliches Geschehen reagiert. Das soziale Engagement Lessings beispielsweise resultierte nicht zuletzt aus dieser Erbschaft.

Lessing, für seine Zeit ungewöhnlich, scheute sich nicht, ein männlicher „Feminist“ zu sein, der in einem 1904 geschriebenen Buch die „Überlegenheit der weiblichen Intellektualität“ nachzuweisen suchte. Sich für Unterdrückte und Mißachtete einzusetzen war ihm (eine) Selbstverständlichkeit: Und die Frauen gehörten für ihn zu der Gruppe, deren Unterwerfung bekämpft werden mußte. Er reiste umher und hielt Vorträge: Die Frauen sind, ihm zufolge, biologisch prädestiniert, die Leitung und Regulierung gesellschaftlicher Funktionen zu übernehmen, denn nach seinem, Lessings Notprinzip (der rationalen Verdichtung psychischer Kraft) sind Frauen das rationalere Geschlecht. Ihre Leidensgeschichte befähige sie zu größerem Beharrungsvermögen, zu mehr Geduld und Langmut. Die Not hat eine rationale Spur, sie vertieft und befestigt den ganzheitlichen Zusammenhang der weiblichen Identität. Aus dem, was Lessing „Philosophie der Tat“ nannte, ein zwangsläufig unabgeschlossenes Denkgebäude, zog er praktische Konsequenzen: Philosophie müsse in den gesellschaftlichen Prozeß ergreifen und jedes reine Lehrbuchwissen verabschieden.

Im Jahre 1900 schrieb Lessing zwei große Aufsätze über den Großstadtlärm, 1908 richtete er in seiner Wohnung ein Büro ein: Der Antilärm-Verein war gegründet. Natürlich wurde er von allen Seiten verhöhnt: „Die ‚Antilärmiten‘ hatten unter dem Gespött der vielen uneinsichtigen Zeitgenossen nicht wenig zu leiden, besonders die Automobilclubs verharmlosten den Lärm ...“ Umweltschutz und Tierschutz waren ebenfalls bevorzugte Themen. Er scheute nicht davor zurück, sich polemisch mit dem jüdischen Bürgertum auseinanderzusetzen, das permanent seine Herkunft zu verdrängen suchte; und prompt meldete sich Thomas Mann zu Wort gegen die „antisemitischen Verleumdungen“ des Doktor Lessing und nennt ihn, scheinbar philosemitisch, ein „Schreckbeispiel schlechter jüdischer Rasse“ sowie „Zionist und Conférencier für Damen“, ein „alternder Nichtsnutz“ – damit lieferte Thomas Mann den Antisemiten im Lande Munition, unter der Reputation seines Namens.