Früher gingen die Uhren anders: Gerhard Dohrn-van Rossums fabelhafte Kulturgeschichte der ZeitmessungDer Tanz der Stunde

von Volker Reinhardt

Von Volker Reinhardt

Quid ergo est tempus? – Was also ist die Zeit? – fragte bereits Kirchenvater Augustin und bekannte, keine Definition parat zu haben, obwohl er sich gelegentlich intuitiv einer Antwort nahe fühle, die dann wieder entschwinde. Tempus fugit – die Zeit entflieht dem, der sie begrifflich festnageln will. Als Ausgleich dafür hat die Menschheit Methoden entwickelt, das schillernde Etwas, wenn schon nicht zu bestimmen, dann doch zu messen – und zwar immer perfekter. Ihnen, den Einteilungen der Zeit in der Geschichte und den Folgen, die sie für die zunehmend in Zeiteinheiten Eingeteilten, ja Eingezwängten hatten, aber auch den zunehmend verfeinerter und komplizierter ausfallenden Instrumenten, die das unhörbare Verrinnen der Zeit in Stundengläsern, Glockentönen und schließlich Piepstönen festhalten, ist das Buch von Gerhard Dohrn-van Rossum gewidmet: Zeitmessung, Zeitgefühl, Zeitdruck von der Antike bis hin zur Weltzeit des 20. Jahrhunderts.

Auch visuell vermag der Leser dem Rieseln der Sandkörner nicht zu entkommen: Aus dem Fresko der Guten Regierung von Lorenzetti im Stadtpalast von Siena, aus Buchminiaturen, die die très riches heures, die sehr reichen Stunden, der mittelalterlichen Adelswelt festhalten, aus dem protestantischen Tempel von Lyon, wo den arbeitsethisch aufgerüsteten Prediger dasselbe Instrument zur Ökonomie der rhetorischen Mittel anhält, bis hin zum bedrohlich angeschwollenen Chronometer in einer englischen Manufaktur des 18. Jahrhunderts fehlt kein Apparat, der dem Menschen das carpe dient vergällt.

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Bemerkenswert ist die enzyklopädische Vielfalt nicht nur der behandelten Epochen, sondern auch der Fragestellungen und Aspekte, wobei die Darstellung sich auf Uhr-Entwicklung und Zeitmessung als mentalitätsgeschichtliches Phänomen konzentriert. Doch ist das eine wohltuend distanzierte, im Gegensatz zu den häufig emotional hoch erhitzten Produkten des jüngsten historischanthropologischen Ablegers der Gattung erfrischend kühle, rational-analytische Art, vergangene Lebenswirklichkeit zu rekonstruieren, und zudem die einzig seriöse.

Der Autor nähert sich, mit allen nötigen Meßbändern und -bechern des Historikers reichlich gerüstet, der Frage, wie vergangene Zeiten die Zeit empfanden, gleichsam von außen; er kreist die Phänomene ein, seine Mentalitätsgeschichte ist der Bestimmung der sozialen Kraftfelder gewidmet, die in steter Wechselwirkung auf das Umgehen des Menschen mit der Zeit einwirkten und die wiederum dieser Umgang hervorbrachte: Tages- und Lebensplanung, Selbst- und Fremddisziplinierung, Arbeitsweltgestaltung. Aber er bleibt sich stets bewußt, daß die mentalen Uhren früher anders gingen, und vermeidet die so naheliegende Pose des Historien horloger von descartesschem Zuschnitt, der vorgibt, die in Wahrheit für immer zerbrochenen Zeiger wieder zusammenzusetzen, welche in den Gehirnen vergangener Jahrhunderte die subjektive Zeit maßen.

Man meditiere nach der Lektüre des Buches, die im Fluge vergeht, eine stille Viertelstunde darüber, welchen Verführungen der Autor, ganz im Geiste der temperantia, der Mäßigung, mit dem Stundenglas auf Seite 15, mit dieser wohltuend nüchternen Darstellung widerstand: Es fehlen die spekulativen Höhenflüge, deren Argumente sich in so vielen analogen Studien so oft und so schnell ätherisch verflüchtigen.. Der Autor präsentiert sich nicht als mitleidiger Frequenzzähler am Puls einer zunehmend entfremdeten Menschheit; er verzichtet auf die zur Selbstprofilierung unverzichtbaren kulturgeschichtlichen Seitensprünge, die regelmäßig in schwammigen Untiefen enden. Gerade hier ist die Grenze des Themas erfreulich pragmatisch gezogen: Bildquellen werden präzise datiert und analysiert, aber eine – notwendigerweise kursorisch-verquaste – Geschichte der symbolischen Uhrendarstellung von Berninis Gerippe mit Stundenglas in der Peterskirche bis zu Dalis wie ein Spiegelei zerlaufender Uhr in der Wüste wird konsequent vermieden. Genauso wie nicht minder verführerische – für Mentalitätsgeschichte sorgloserer Machart so typische – Kurzschlüsse. Widerlegt wird unter anderem der Mythos der von der Klosteruhr zum labora getriebenen Mönchsgemeinschaft als frommer Keimzelle des Kapitalismus, wie auch die modisch-griffige Unterscheidung zwischen dem zyklisch gemächlichen Zeitempfinden der spätmittelalterlichen Kirche und dem dynamisch linearen Stundenrhythmus ihres angeblichen Widerparts, des mit seiner Zeit geizenden Großhandelskaufmannes, hinfällig wird. Überhaupt sind die Kausalschlüsse in diesem Buch bemerkenswert vorsichtig und daher fundiert; mehr als erklärt aber wird beschrieben, in dem einem so flüssigen Medium wie der Zeit sehr angemessenen Stil.

Erste Etappe dieser Reise durch die Zeit des Zeit-Messens: Die Klepsydren, Wasserauslauf-Modelle, nach denen die Redner in den altgriechischen Räten und Volksversammlungen zur Sammlung gezwungen wurden, dann die frühesten Sonnen- und Wasseruhren, die allmählich eine genauere Einteilung des Tages in handliche Einheiten, die Stunden, möglich machten, ein Prozeß, der in der hellenischen Welt um 300 v. Chr., in Rom erst weitere 150 Jahre später im wesentlichen abgeschlossen ist.

Nach der Zeit der dunklen Jahrhunderte schlägt dann in den Klöstern des Mittelalters die Stunde der Grübler und Tüftler, die auch mit Sonnenuhren zur Messung von Temporalstunden schreiten. Triumph dieser Bemühungen aber ist der von keinem historischen Meßinstrument festgehaltene Augenblick, an dem die erste mechanische Räder-Uhr, den Händen des anonymen Konstrukteurs entsprungen, zu ticken beginnt. Kaum (um das Jahr 1300, fast zeitgleich mit der Brille – eine Koinzidenz, über die sich gleichfalls abgründig spekulieren ließe) erfunden, beginnt sie als Prestigeobjekt wohlhabender Bürger-Kommunen bereits zu schlagen, eine technische Revolution mit sozialen Folgen für Zunftgesetzgebung, Gesellenverträge und Lohnbemessung.

Wer diesen kühnen Schritt hin zum mechanischen Chronometer nun auch tat, ob chinesischer Techniker oder europäischer Klosterbruder, sein Bildnis müßte von Rechts wegen bis heute Fabrik- und Stechuhren zieren. Denn – um mit Rousseau zu sprechen – ist es ein Zufall, daß ein calvinistischer Uhrmachersohn am vehementesten den Prozeß der europäischen Zivilisation attackierte, der doch in hohem Maße auf Zeitdruck beruht? Von jetzt an war die weitere Entwicklung, die Unterwerfung unter das Joch der Zeit, unvermeidlich, vor allem seit man um 1400 tragbare Uhren konstruiert, wie alle technischen Errungenschaften der folgenden 600 Jahre als Fortschritt gefeiert.

Dazu hatten die Obrigkeiten auch allen Grund, denn ihnen arbeiten die weiter verfeinerten Instrumente schließlich in die Hand: Anfang des 18. Jahrhunderts wird in Preußen ungleicher Gang von Uhren als Begründung für postalische Verspätung nicht mehr anerkannt; die Omnipotenz des Quarzweckers als Lenkungsorgan kündigt sich an. Conrad Ferdinand Meyer dichtet in seinen von gründerzeitlich brüchiger Wehrhaftigkeit klirrenden Versen über Huttens letzte Tage dem Reichsritter ein Zeit-Erlebnis besonderer Art an: Der junge Ulrich gewinnt das Preisdichten um den besten Spruch für eine Sonnenuhr mit dem Zwei-Worter „ultima latet“. Die letzte, sprich Stunde, ist verborgen. Das ist, existentiell betrachtet, glücklicherweise trotz raffiniertester Uhrentechnik bis heute so geblieben. Auf den in diesem Buch erfreulich pragmatisch nachgezeichneten Prozeß der Zeit-Zivilisation angewendet, aber läßt sich mit Sicherheit sagen, daß seine Darstellung so schnell nicht verjähren wird: ein Buch über die Stunde und über die Stunde hinaus.

  • Gerhard Dohrn-van Rossum:

Die Geschichte der Stunde

Uhren und moderne Zeitordnungen; Carl Hanser Verlag, München 1992; 416 S., Abb., 68,– DM

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