Von Lutz Häfner

Zum fünfundsiebzigjährigen Jubiläum der Russischen Revolution von 1917 erscheint in deutscher Übersetzung die voluminöse Studie von Richard Pipes. Der Autor, Berater des vormaligen US-Präsidenten Ronald Reagan, Professor für russische Geschichte an der Harvard-Universität und durch zahlreiche Veröffentlichungen ausgewiesener Kenner der Materie, ist ein streitbarer Historiker, der sich eine wahrhaft herkulische Arbeit aufgebürdet hat. Als Ziel seiner auf vier Bände projektierten deutschen Ausgabe nennt er nichts Geringeres als die Revision unseres Geschichtsbildes der Russischen Revolution, nämlich „die Befreiung aus einer geistigen Zwangsjacke, in die die Zunft seit siebzig Jahren durch eine politisch gelenkte Geschichtsschreibung gesteckt worden ist“.

Nicht nur an diesem Satz, sondern am gesamten Werk werden sich die Geister scheiden. Die Lektüre ist niemals langweilig. Das Buch, das den Zeitraum von 1899 bis einschließlich Februar 1917 umfaßt, zeichnet sich durch provokante Thesen aus und bietet genügend Stoff für Kontroversen.

Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der politischen sowie der Geistes- und Ideengeschichte. Wirtschafts- und Sozialgeschichte treten in den Hintergrund. So findet sich kein Kapitel über die Lage der Arbeiterschaft, während die institutionellen Stützen des Zarenreichs, die Verhältnisse auf dem Land und die Intelligencija ausgiebig behandelt werden.

Als Anfang der Russischen Revolution betrachtet Pipes die Studentenunruhen von 1899. Diese unkonventionelle Interpretation ist Teil des sich durch die Darstellung ziehenden Leitmotivs, nämlich die russische Intelligencija als Hauptverantwortlichen der Revolution und des Untergangs des Zarenreiches zu charakterisieren. Laut Pipes war die Russische Revolution „das Ergebnis nicht von unerträglichen Bedingungen, sondern von unversöhnlichen Einstellungen“. Als Intelligencija definiert er Intellektuelle, bei denen sich eine „Verpflichtung auf extrem utopische Ideen mit einem grenzenlosen Machthunger“ verband, „eine Klasse in permanenter Opposition, allen Reformen und Kompromissen abhold“. An dieser Definition überrascht nicht nur, daß er jene von nicht manueller Arbeit lebende Schicht bei all ihrer Heterogenität als „Klasse“ versteht, sondern vor allem auch, daß er ihr allein ein systemsprengendes Potential zuschreibt.

Gerade in der Monokausalität, der Isolierung der Intelligencija von den übrigen Gesellschaftsschichten, liegt die Schwäche des Ansatzes. Nicht die revolutionäre Rhetorik in den Universitäten führte zur Revolution. Entscheidend war das Zusammenwirken von oppositioneller Intelligenz und Arbeiterschaft. Der autokratische Staat selbst bewirkte maßgeblich das Zustandekommen dieser Konstellation. Indem er auf seinem Entscheidungsmonopol beharrte und der Intelligencija nahezu jede Möglichkeit der gesellschaftlichen Partizipation vorenthielt, drängte er diese Schicht nicht nur in eine unversöhnliche Opposition, sondern schweißte sie mit den unzufriedenen Unterschichten der Arbeiter und Bauern in ihrer Ablehnung der tradierten Form zaristischer Herrschaft zusammen. So bildete sich jenes klassenübergreifende Bündnis, dessen sozialrevolutionäres Potential eine Sprengkraft bildete, dem der Staat nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatte.

Auch in der Februarrevolution von 1917 weist Pipes der Intelligencija eine führende Rolle zu, schürte sie doch „die Flammen der sozialen Unzufriedenheit zum Zweck der politischen Machtübernahme“, um aus „einem lokal begrenzten Brand, der Meuterei der Petrograder Militärgarnison, eine nationale Feuersbrunst“ zu entfachen. Mit dieser Interpretation beschreitet Pipes Neuland: Er reduziert die Februarrevolution zunächst auf „die Meuterei von Bauern im Soldatenrock“, der dann gleichsam als zweiter Schritt – auf Initiative der Intelligencija – die Ausdehnung der Revolution auf das ganze Land folgte. Diese Darstellung greift zu kurz, waren es doch die Demonstrationen der Arbeiter, welche die Soldaten aus den Kasernen riefen. Außerdem übersieht Pipes, daß im Februar 1917 ein breiter gesellschaftlicher Konsens bestand: Im Augenblick der Bedrohung schied die Autokratie dahin, weil sie keine Stützen mehr besaß, die bereit gewesen wären, die Hand zu ihrer Verteidigung zu heben. Letztlich war es eine Koinzidenz zweier Attacken, nämlich des parlamentarischen Staatsstreichs der Duma, die sich der Auflösung durch den Zaren widersetzte, und der Insurrektion der Massen für Brot, Freiheit, Gleichheit und Frieden, die den Erfolg der Februarrevolution garantierte.

Bei dem Versuch, unser Geschichtsbild der Russischen Revolution einer Revision zu unterziehen, überspannt Pipes zum Teil den Bogen, und die Darstellung wird unseriös. Bezogen auf den März 1917 führt Pipes aus: „Die Stellung der Regierung war nicht gerade beneidenswert. Sie mußte die Macht mit dem von Radikalen beherrschten Sowjet teilen, die entschlossen waren, die Revolution weiterzutreiben.“ Allein dieser Satz enthält mehrere Fehler. Der Petrograder Sowjet wurde nicht von Radikalen dominiert, sondern von den gemäßigten Sozialrevolutionären und menschewistischen Sozialisten. Hätten wirklich radikale Kräfte den Petrograder Sowjet majorisiert, dann wäre gerade jene für die Periode nach der Februarrevolution von 1917 so konstitutive Konstellation einer „Doppelherrschaft“ von bürgerlichem Kabinett, der Provisorischen Regierung, und sozialistischem Kontrollorgan, dem Petrograder Sowjet, nicht zustande gekommen; denn die extreme politische Linke hatte bereits zu diesem Zeitpunkt die Sowjetmacht auf ihre Fahnen geschrieben.

Außerdem gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen Regierung und Sowjet gedeihlich. Die Mehrheitsfraktionen des Petrograder Sowjets hatten überhaupt kein Interesse, die Autorität der Provisorischen Regierung zu unterminieren, wie Pipes schreibt. Menschewiki und Sozialrevolutionäre zeichneten sich eben nicht durch jenen laut Pipes für Angehörige der Intelligencija so typischen „Machthunger“ aus, sondern dachten in den Kategorien der orthodoxen marxistischen Doktrin, glaubten, daß erst eine bürgerliche Gesellschaft zu voller Blüte gelangen müsse, bevor die Zeit für eine sozialistische Gesellschaft in dem so rückständigen Rußland reif sei. Der einzig wirklich gravierende Konflikt zwischen Regierung und Sowjet bestand in der Außenpolitik. Als Fazit bleibt: Wer sich über Ursachen und Verlauf der Russischen Revolution orientieren möchte, der sollte lieber die Darstellungen von Manfred Hildermeier und Bernd Bonwetsch lesen, die Ausführungen von Pipes aber hintanstellen.

  • Richard Pipes: Die Russische Revolution

Band I: Der Zerfall des Zarenreiches; aus dem Amerikanischen von Udo Rennert; Verlag Rowohlt Berlin, Berlin 1992; 639 S., 58,– DM