Diese Frau ist im besten Alter – warum soll das Prädikat nur für Männer gelten. Sie war Hausfrau und Mutter, setzte aber trotzdem ihr abgebrochenes Studium fort und bekleidet jetzt eine Stellung mit halbjähriger Kündigungsfrist. Nach dem Ehemann hatte sie einen Lebensgefährten, und beide spüren telephonisch manchmal der Frage nach, was von der vielzitierten – und gerühmten – Nähe eigentlich geblieben ist. Diese Frau sucht Gespräche und keine Diskussionen und hat sich ein neues Lebensziel gesetzt. Es lautet: „Glückliches Sparen“. Unermüdlich betreibt sie Schlagwort-Verarmung, warnt gleichzeitig vor der Verwechslung von Toleranz und Anpassung, und welche Möglichkeiten unsere Gesellschaft auch bietet, derartige Wegbeschreibungen führen doch allmählich zur Übersättigung.

Die sogenannte „Neue Nachdenklichkeit“ nimmt sie als Schmusebegriff mittelmäßiger Politiker hin und fordert von sich schlichtweg: denken. Ertappt sie sich bei Nachdenklichkeit, bleibt sie entweder sitzen oder liegen. Obgleich Umschweife ihre Anziehungskraft haben, spart sie auch daran und betrachtet sie höchstens als Trostpreise möglichst zur rechten Zeit. Kauft sie ein, erwirbt sie Unentbehrliches dort, wo es entweder am preiswertesten ist oder die Bedienung persönlichen Kontakt herstellen möchte. Kommt es zwischen dieser Frau und Männern zu Blickkontakten, wird sie, je nachdem, auch mal deutlich; dann jedoch kurz und treffend. Überträgt das Fernsehen Bundestagsdebatten, vermißt sie knappe und geschliffene Formulierungen und gibt sich in den Nachrichtensendungen mit Zusammenfassungen zufrieden. Wer auch jeweils in der Politik das Wort nimmt, die deutsche Sprache wird ihrer Meinung nach kaltblütig gerupft. Und findet diese Frau genug Zeit für ihren neuen Gefährten, korrigiert sie sich sofort, denn von „Gefährten“ hat sie genug, „Geliebter“ ist ihr zu pathetisch, „Partner“ findet sie beim Tennis, aber Freund, das soll der Neue werden. Freund, wenngleich das ziemlich altmodisch klingt, hat so etwas von Ehrenwort. Und gerät er in heißen Nächten bei ihr völlig außer Atem, tröstet sie ihn im Flüsterton stoßweise mit ihren Lieblingsworten: Weniger kann auch mehr sein. Unter dieses Motto will sie sogar ihre Zukunft stellen.