GUNDELFINGEN. – Lenin blickt so ernst wie eh und je. Nur steht der einstige Volkstribun jetzt nicht mehr, sechs Meter hoch und 120 Tonnen schwer, auf ein-Dresdner Bahnhofsvorplatz, sondern in einem staubigen Fabrikhof in der 7000-Seelen-Gemeinde Gundelfingen. Der Grabsteinfabrikant Josef Kurz hat ihn aus Sachsen ins Schwäbische überführen lassen und auch die 80 000 Mark für Abriß und Transport aus eigener Tasche bezahlt. Die lassen selbst bekam Kurz von den Dresdnern Transport sie waren froh, den „Roten Bahnhofsvorsteher“ endlich loszuwerden.

Völlig treulos wollte sich die Stadt ihrem ehemaligen Säulenheiligen gegenüber allerdings auch nicht zeigen. Josef Kurz dürfe den mit einer Spezialsäge in fünf dicke Scheiben Zerteilten nicht irgendwo verschimmeln lassen, lautete die Auflage, sondern müsse ihn originalgetreu wiederaufstehen. Dem kam der 62jährige Grabsteinfabrikant gerne nach. Denn Kurz denkt eindeutig über den Vordenker des Sozialismus hinaus. Einen ganzen Statuenpark möchte er anlegen, eine Art sozialistisches Disneyland mit den Führern der Arbeiterklasse zum Anfassen.

„Leute, meldet euch, der Kurz will alle Figuren haben, die größer als 2,50 Meter sind, der gibt ihnen Asyl!“, ließ er verkünden, und das Echo kam prompt. Aus Rýmařow (Römerstadt) in der Tschechoslowakei durfte er sich einen überlebensgroßen Stalin abholen, der nun den Eingang im heimischen Gundelfingen bewacht – und seine Sache nicht schlecht macht. Über einen ebenfalls kolossalen Tito verhandelt der Freund großer Männer derzeit mit den Jugoslawen. Klement Gottwald, der erste kommunistische Präsident der Tschechoslowakei, befindet sich schon in seiner Sammlung: Schwierigkeiten macht nur noch die fehlende Ausfuhrgenehmigung.

Aus Ungarn, Rußland, der ČSFR und der früheren DDR habe er Angebote auf seinen Aufruf erhalten, erzählt Josef Kurz. Das tollste sei aus Kiew gekommen; dort gab es einen überflüssigen Lenin, nur wiege er 900 Tonnen und messe an die 40 Meter. Da mußte selbst Denkmalfreund Kurz passen. Seine Heimatgemeinde, die den Aufmarsch der Monumente ohnehin mit Argwohn verfolgt, hatte ihm untersagt, Statuen aufzustellen, die höher sind als der Gundelfinger Kirchturm. Auch seinen Park schmetterte der Gemeinderat erstmal ab – „aus fadenscheinigen Gründen“, wie Josef Kurz findet. Doch so leicht gibt einer, der Stalins und Lenins sammelt, nicht auf. „Die sagen zwar, der Kurz ist ein Spinner, aber das setz’ ich schon noch durch.“

Er hält es allein aus touristischen Überlegungen für vernünftig, den ausgemusterten Leitbildern Asyl zu gewähren. „Letzten Sonntag waren 300 Leute hier. Des ischt doch a Attraktion für ganz Gundelfingen.“ Und herzbewegende Szenen spielten sich dabei ab, erzählt er. „Die Mädels lassen sich photographieren, wie sie den Stalin umarmen.“ Das sei natürlich „ganz harmlos“, aber doch irgendwie nett. Dietmar Bruckner