Von Heiner über

Großer Pow-Wow in der Wiener Innenstadt – auf dem Stephansplatz vor dem Dom haben sich die Indianer versammelt. Knapp einhundert sind es: Häuptlinge vom Stamm der Zapoteken, der Tlauhiken und der Tzotzil, der Lakadones und der Totonaken, der Mixteken und Chamula. Mit Kind und Kegel sind sie Ende April aus Mittelamerika nach Wien gekommen. Jetzt spielen die bunten Federn ihrer prunkvollen Kopfputze im eisigen Wind, der vermischt mit leichtem Nieselregen die Kärntner Straße entlangpfeift. Quetzalli, ein achtjähriges Aztekenmädchen, ist nur mit einem ledernen Lendenschurz bekleidet. Sie klappert mit den Zähnen vor Kälte. Irgend jemand hängt ihr noch eine graue Sanitätsdecke über, dann macht sie sich mit den anderen Indianern auf einen langen Weg – aus Protest gegen eine österreichische Museumsverwaltung.

Der „Gerechtigkeitsmarsch anläßlich fünfhundert Jahre Ungerechtigkeit“ wird die Indianer 104 Tage lang quer durch Österreich führen, ins Burgenland, nach Graz und Klagenfurt, durch Tirol nach Bregenz, von Vorarlberg zurück nach Salzburg, schließlich donauabwärts nach Linz und wieder nach Wien. Initiator dieser indianischen Demonstration ist Xokonoschtletl, ein 42jähriger aztekischer Schamane mit langem schwarzem und von einem roten Stirnband zusammengehaltenem Haar. „Die Wurzel der Kakteenfeige, die tief in den Boden reicht“, lautet die Übersetzung seines Namens; gesprochen wird er „Schokonoschtletl“.

Die erste kurze Etappe führt mit viel Polizeibegleitung durch die Fußgängerzone zum Wiener Museumsquartier rund um den Heldenplatz – dem ersten Höhepunkt entgegen. Die aztekischen, toltekischen und mixtekischen Männer vollführen gebückt in wilden Kreisen rituelle Tänze, während die Musik der Trommeln und Muschelhörner über den weiten Platz hallt.

Amerikanische und japanische Touristen und viele Einheimische umstehen das bislang größte indianische Meeting im alten Europa. Auf einmal kreuzt Xokonoschtletl die Arme vor der Brust. Plötzliche Stille rundum. Dann beginnt der Schamane, zum Erstaunen aller in fast fließendem Deutsch, eine leidenschaftliche Rede: „Es geht um die Federkrone Motecuhzomas, des letzten Herrschers der Azteken. Die Federkrone ist gestohlen. Von Cortez. Von den Spaniern. Wir haben sie als Gäste aufgenommen. Sie aber haben unsere Stadt niedergebrannt, unsere Männer getötet, unsere Frauen vergewaltigt. Sie haben die Federkrone Motecuhzomas gestohlen und nach Europa gebracht. Doch sie gehört nach Mexiko. Sie gehört uns. Wir fordern: gebt uns die Federkrone Motecuhzomas zurück“ – jenes Herrschers also, den wir aus den Schulbüchern als „Montezuma“ kennen.

Hinter den grauen klassizistischen Mauern des Museums für Völkerkunde in der Wiener Hofburg, vor dem die Indianer tanzen, hängt in einem Glaskasten das Corpus delicti: Ein Kopfschmuck aus mehr als vierhundert smaragdgrün leuchtenden Schwanzfedern des heiligen Quetzal-Vogels, von Bändern aus Gold fächerförmig zusammengehalten. Der Weg der Federkrone von Alt-Mexiko nach Europa ist historisch nicht mehr zu rekonstruieren: Möglich, daß er zum spanischen Beutegut gehörte, möglich, daß er eines der Geschenke war, die der Eroberer Cortez in großer Zahl spanischen Adeligen und Bischöfen schickte, um sich ihre Freundschaft zu sichern.

1575 taucht der Kopfschmuck als Bestandteil einer Sammlung des Ulrich von Montfort erstmals nachweisbar in Europa auf, kommt 1596 nach Schloß Ambras bei Innsbruck, wird vor den heranrückenden Napoleonischen Truppen in Sicherheit gebracht und 1879 im Wiener Belvedere in einem Archiv aufgefunden. „Sicher ist jedenfalls“, sagt Christian Feest, der Kurator der Altamerika-Abteilung des Museums für Völkerkunde, „daß die Federkrone nicht von Motecuhzoma getragen wurde. Sie ist Teil einer Göttertracht, die im Rahmen des Rituals von Priestern, die die Götter symbolisierten, angelegt wurde.“