Von Dirk Kurbjuweit

Ein Thema löst sich von seiner Jahreszeit. Über Karenztage im Krankheitsfall stritten Politiker früher nur im Sommer. Die Hinterbank des Bundestages füllte damit die Schlagzeilen, während die Prominenz im Urlaub weilte. Diesmal reichte die Geduld nur bis Ostern. Es war kalt und regnerisch, aber die Abgeordneten Friedhelm Ost (CDU), Michael Glos (CSU) und Josef Grünbeck (FDP) hielten trotzdem die Zeit für gekommen, das alte Sommerthema auf die Tagesordnung zu setzen.

Prompt folgten die vertrauten Händel. Gegner und Fürsprecher rieben sich eine Woche lang aneinander. Dann herrschte wie erwartet Ruhe. Die aber störte am vergangenen Wochenende überraschend Wolfgang Schäuble. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion sagte im ZDF, das Thema sei noch nicht vom Tisch. Da Schäuble es nicht nötig hat, mit ausgefallenen Ideen auf sich aufmerksam zu machen, scheint die Sache diesmal ernst zu sein.

Der Pausenfüller kommt ins Hauptprogramm, weil die Union verzweifelt nach einem Weg sucht, FDP und Arbeitgebern Norbert Blüms Modell einer Pflegeversicherung schmackhaft zu machen. Der Arbeitsminister will das Pflegerisiko im Rahmen der Sozialversicherung abdecken. Dafür braucht er Beiträge von den Unternehmen, die schon jetzt über zu hohe Lohnnebenkosten klagen.

Zum Beispiel geben sie jährlich 34 Milliarden Mark für die Lohnfortzahlung aus. Wird ein Arbeitnehmer krank, überweist seine Firma bis zu sechs Wochen lang den vollen Lohn. Die Hinterbank-Troika möchte Kranken das Gehalt für drei Tage sperren. So könnten die Arbeitgeber mindestens fünfzehn Milliarden Mark einsparen. Das wäre ungefähr die Summe, die Blüm für seine Pflegeversicherung von den Unternehmen braucht. Schäuble will sich mit einem Karenztag und gut sechs Milliarden Mark begnügen.

Faßt man es bündig zusammen, dann sollen die Kranken für die Pflegefälle bezahlen. Diese Verknüpfung empört nicht nur Gewerkschafter und Sozialdemokraten, sondern auch CDU-Politiker wie Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth.

Die Diskussion um die Karenztage wird von dem Vorwurf der Arbeitgeber geschürt, in Deutschland werde zuviel krankgefeiert. Bei Dunlop in Hanau zum Beispiel sind ständig zehn Prozent der Beschäftigten nicht arbeitsfähig. Geschäftsführer Henrik Lotz bringt das manchmal in arge Schwierigkeiten, seine Tennisbälle oder Matratzen rechtzeitig auszuliefern. Derzeit fehlen in einer Abteilung 9 von 36 Leuten. Das ergibt einen Krankenstand von 25 Prozent. Um die Lücken zu füllen, muß Lotz eine Reserve vorhalten, die weniger gut eingearbeitet ist. „Das alles treibt die Kosten“, sagt Lotz.