Traditionelle Werte wurden beim Aufbau der Bundesrepublik hochgehalten, auch in der Rede, die Marie-Elisabeth Lüders von der FDP zur Eröffnung der zweiten Legislaturperiode am 6. Oktober 1953 als Alterspräsidentin des Bundestages hielt.

Alle staatlichen und verwaltungsorganisatorischen Grundlagen mußten nach dem Zusammenbruch neu aufgerichtet werden. Das Gebiet der drei westlichen Besatzungszonen mußte zu einem einheitlichen Staatswesen zusammengefügt werden. Aber nicht nur die Schaffung einer neuen äußeren Form war die Aufgabe, sondern diese Form mußte für die irregeführten Bewohner unseres Landes mit einem neuen Staatsinhalt erfüllt werden, der ihre skrupellos mißbrauchte Gläubigkeit und ihre so bitter enttäuschte Hoffnung wiederbelebte.

Schwere und mühselige, ja vor allem liebevolle Arbeit, meine Damen und Herren, liegt noch immer vor uns in dem Bemühen, die wirtschaftlichen und menschlichen Trümmer aus dem Zusammenbruch der Lebensgrundlage von Millionen fortzuräumen.Die große soziale Aufgabe unserer Zeit liegt darin, die Entwurzelten wieder zu verwurzeln, die aus Heim und Heimat Vertriebenen, aus Arbeit und Brot Gerissenen mit menschlicher Wärme und seelischer Hilfe in die neue Heimat, in neue Arbeitsplätze einzugliedern. Sie besteht darin, aus Mitbewohnern echte, voll und gern anerkannte Mitbürger, aus Versorgten wieder auf eigenen Füßen stehende Versorger zu machen. Eine menschliche Gesellschaftsordnung kann nicht nur mit Gesetzen hergestellt werden. Dem Menschen muß die Möglichkeit gegeben werden, als Mensch in Freiheit und Gesittung zu leben, bereit, in eigener, echter Lebensverantwortung für sich und die Seinen einzustehen.

Seßhafte, mit Staat und Gesellschaft auch seelisch verbundene Bürger bedürfen der Wohnungen als Heim und Pflanzstätten gesunden Familienlebens. Sie bedürfen der materiellen Grundlage durch gesicherte Arbeit. Der erste Bundestag hat einen sehr verdienstvollen Anfang auf beiden Gebieten gemacht trotz des unaufhaltsamen, immer neuen Zustroms aus der auf uns wartenden östlichen Heimat. Aber das Werk der deutschen Neuordnung ist noch lange nicht zu Ende!

Noch treten Millionen durch fremde Haustüren in fremde Räume, noch hetzen zahllose Witwen zur Arbeit aus dem Haus, die Kinder voller Sorge hinter sich lassend. Noch finden zahllose Versehrte nicht die menschlich mittragende Hilfe, die ihnen die körperlichen Leiden leichter macht. Noch stehen Hunderttausende abseits, die mit dem Einsatz der „Politik des Herzens“ den Alten, Kranken, den familienlosen Jungen viele dunkle Stunden des trüben Alltags erhellen und sie davor bewahren könnten, zu Feinden der Gesellschaft zu werden, mit Gott und der Welt zu hadern.

Es ist Sache der politischen Entscheidung, die geeigneten Modalitäten zu finden. Auch das wird dazu beitragen, neben den zerstörten materiellen Werten die unersetzlichen inneren, die zerbrochenen menschlichen Werte wiederaufzurichten, indem wir Lebensbedingungen schaffen, in denen echte humane Gesinnung und Betätigung wieder gedeihen können. Daß dies möglich ist, meine Damen und Herren, beweist die ungebrochene deutsche Lebenskraft, die aus geistigen Quellen genährt wird und sich auch in die Leistung des letzten Werktätigen umsetzt.

Es bleibt mir noch, allen jenen zu danken, die diesen erweiterten Raum, in dem wir jetzt tagen sollen, für uns mit bewundernswerter Pünktlichkeit in nie erlahmender Leistungsbereitschaft aller Beteiligten hergestellt haben. Wir haben noch kein gesamtdeutsches Parlament; aber wir werden es bekommen. Wir werden es deshalb bekommen, weil wir in diesem gemeinsamen Willen zusammenstehen. Ich darf die Hoffnung aussprechen, die Sie gewiß alle mit mir teilen werden, daß der nächste Alterspräsident in der früheren Hauptstadt Berlin wieder den Deutschen Reichstag – oder wie immer er heißen mag – wird eröffnen können.

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