Von Jürgen Krönig

Welch ein dramatischer Stimmungsumschwung. Gestern noch herrschte in Großbritannien Depression, plagten tiefe Selbstzweifel die Nation, heute ist ein fast überschäumender Optimismus wahrzunehmen, Eben noch wurde der „unaufhaltsame Abstieg“ des Landes diskutiert; jetzt wird fast triumphierend künftige britische Größe beschworen. Tief verwurzelte europäische Klischees kehren sich in ihr Gegenteil: Jahrzehntelang galt Großbritannien als „kranker Mann“ Westeuropas; nun schieben britische Kommentatoren und Politiker diese Rolle ausgerechnet jenem Deutschland zu, auf das sie eben noch besorgt als neue politische und ökonomische Supermacht Europas, wenn nicht gar als „Viertes Reich“ blickten.

Woher rührt dieser Stimmungswandel? Ein Grund ist der Wahlsieg der Konservativen am 9. April. Selbst Labour-Wähler haben, wie Umfragen zeigen, darauf mit verstohlener Erleichterung reagiert. In der Wirtschaft hat der Sieg der Tories unverhohlenen Jubel ausgelöst. In bewegten Zeiten erscheint es weiser, keine Experimente zu wagen, schon gar keine linken.

Aber erst das deutsche Dilemma hat dem neuen britischen Selbstbewußtsein so richtig auf die Füße geholfen. Je stärker Deutschland als ökonomisch angeschlagen, von wachsenden sozialen Spannungen geplagt und innenpolitisch zunehmend instabil erscheint, um so glänzendere Perspektiven tun sich für die Briten auf. „Wir können“, so die Überschrift über einem Artikel des Oxford-Historikers Norman Stone in der Sun, der größten Boulevardzeitung des Landes, „die Nummer 1 in Europa werden.“

John Major ist ein zu kluger und zu behutsamer Politiker, als daß er sich leicht zu überschwenglichen Aussagen hinreißen und von der Stimmungsmache eines Teils der britischen Medien anstecken ließe. Aber das hervorragende Abschneiden seiner Partei bei den Regionalwahlen, kaum vier Wochen nach dem unerwartet klaren Sieg bei den Wahlen zum Unterhaus, veranlaßte selbst den zurückhaltenden Premier dazu, Töne anzuschlagen, die bisher allenfalls im Wahlkampf von ihm zu hören waren. Major sprach von einer „Dekade wachsender Prosperität“, und er verhieß den Briten „glänzende Zukunftsaussichten“, obgleich er um die strukturellen Schwächen seines Landes weiß und sich im klaren darüber sein dürfte, daß die globalen Krisen „wachsende Prosperität“ zu einem leeren Versprechen machen.

Noch rechtfertigen die Wirtschaftsdaten den Optimismus nicht, den Großbritannien gegenwärtig zur Schau stellt. Euphorie ist kein Ersatz für ökonomische Erholung, auch wenn die Wirkung psychologischer Faktoren nicht zu unterschätzen ist. Gleichwohl sind die Regierung und ihre Anhänger nicht ohne Grund zuversichtlich. Jetzt, da der Tiefpunkt der Rezession durchschritten ist, kann es eigentlich nur noch besser werden.

Die Gewerkschaften sind ruhig geblieben. Neue Gesetzesprojekte sollen ihnen, zumal im öffentlichen Sektor, Streiks künftig noch schwerer machen. Die Weigerung, die Sozialcharta im Rahmen der EG zu akzeptieren, gilt in der Regierung und in der Wirtschaft gleichermaßen als Wettbewerbsvorteil. Dieser Vorteil wird noch dadurch erhöht, daß Großbritannien, im Gegensatz zu vielen seiner europäischen Partner, auf stabile politische Verhältnisse verweisen kann, Die, so das Kalkül, werden auf ausländische Investoren höchst anziehend wirken. Für fünf Jahre wird es jetzt eine konservative Regierung geben. Jeder weiß, woran er mit ihr ist. Majors pragmatischer Konservatismus und unpathetischer Führungsstil werden dafür sorgen, daß vorhandene gesellschaftliche Spannungen eher entschärft, jedenfalls nicht vergrößert werden. Margaret Thatcher löste Widerspruch, ja Haß aus. John Majors Regierungsprogramm wird von manchen Konservativen als „bemerkenswert langweilig“ gefeiert.