Von Wolfgang Bartels

Ob Ideen die Welt verändern können, mag umstritten sein. Fest steht, daß eine Idee einen Ort vollständig verwandelt hat. Die Rede ist von Redu, einem Dorf in den belgischen Ardennen mit nur 450 Einwohnern.

Was der hinterste Bayerische Wald für die Deutschen ist, das sind für die Belgier die Ardennen. Wie die meisten Dörfer in der Umgebung war Redu Anfang der achtziger Jahre schon fast ausgestorben. Der einzige Krämerladen öffnete nur jeden zweiten Tag, die Schule stand mangels Nachwuchses kurz vor der Schließung, die Jugendlichen mußten das Dorf verlassen, weil die Landwirtschaft niemanden mehr ernährte. Noch ein paar Jahre weiter – und Redu wäre ein Geisterdorf geworden, in dem nur noch ein paar Alte mit ihren Katzen und Hunden gelebt hätten. Wenn nicht diese Idee gewesen wäre.

Der Schriftsteller, Journalist und Ölunternehmer Noel Anselot hatte in einem Bruchsteinhaus aus dem 16. Jahrhundert eine Ruheinsel gefunden, die es ihm erlaubte, dem hektischen Tagesgeschäft in Brüssel zu entfliehen. Anselot liebt und sammelt Bücher – und er schrieb auch am Buch über die lange Geschichte „seines“ Dorfes Redu. Bücher sollten Redu die Rettung bringen.

Vorbild war das Dorf Hay-on-Waye in Wales mit seinen vier Millionen englischsprachigen Büchern, das Noel Anselot schon in den sechziger Jahren fasziniert hatte. Der Büchernarr wollte Redu zum französischsprachigen Gegenstück machen. Er verabschiedete sich ganz aus Brüssel, zog nach Redu und baute sein Bruchsteinhaus zu einem Buchantiquariat um.

Aber warum sollten Bücherfreunde Hunderte Kilometer fahren, um etwas zu kaufen, was sie auch in den Großstädten bekommen konnten? Anselot ließ sich nicht beirren. Er tat sich mit Redus Bürgermeister Leon Magin zusammen. Nicht ganz ohne einen Anflug von Größenwahn warben die beiden bei befreundeten Buchhändlern in Brüssel, Charleroi, Liège und Antwerpen darum, einen großen Büchermarkt in Redu zu veranstalten. Das Ergebnis war verhalten und hätte weniger Vernarrte gewiß abgeschreckt. Trotzdem wurde der Büchermarkt einige Male wiederholt.

Langsam sprach sich das Ereignis herum; es stellte sich sogar ein gewisser Erfolg ein. Einige der Buchhändler aus den Großstädten blieben in Redu hängen. Alte Häuser, Schuppen und Ställe wurden umgebaut, die Wände frisch gekalkt, Holzregale aufgestellt, Lampen installiert – und schon konnte der Handel mit den alten Büchern beginnen. Meist machte man sich nicht einmal die Mühe, die alten Futtertröge herauszureißen. So kommt es, daß man einen Kunstband über Picasso im Schweinetrog finden kann.