Von Matthias Naß

Sogar eine Kirche hat Shekou erhalten. Der weiße Glockenturm mit dem spitzen roten Dach ragt über die schmucke, in ein Kiefernwäldchen eingebettete Villen-Siedlung am Meer. Gehen hier Protestanten oder Katholiken zum Gottesdienst? Unser Begleiter zuckt ratlos mit den Schultern. „Ich glaube, es ist eine christliche Kirche“, sagt er unschlüssig. Ist doch nicht so wichtig, drückt seine Miene aus. Schließlich ging es ihm nur darum, dem Ausländer zu zeigen: Für euch wird hier wirklich alles getan. „Sehen Sie das Hotel da vorne: fünf Sterne! Und mit dem Hovercraft sind Sie im Nu in Hongkong, bei der Zollkontrolle gibt es keine Probleme.“

Wer hätte gedacht, daß das kommunistische China eines Tages sogar Gotteshäuser errichten würde, um die Fremden und ihr Geld ins Land zu locken? Heute zeigen Werbefilme schon mal zwischen Golfplatz und Shopping-Zentrum Bilder von der heiligen Messe.

Im eigenen Land muß ein Ort wie Shekou, das reichste Industriegebiet mit der modernsten Produktion in der Wirtschaftssonderzone Shenzhen, um qualifizierte Arbeitskräfte nicht werben. Wie groß die Anziehungskraft von Shekou ist, läßt eine Zahl ahnen, die wir von David Qing erfahren, der hier für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist: In Shekou, hören wir zu unserem Erstaunen, betrage das Bruttosozialprodukt pro Kopf der Bevölkerung 6500 US-Dollar und liege damit höher als in Südkorea.

Wie in der Nußschale läßt sich in Shekou das Wirtschaftswunder von Chinas Paradeprovinz Guangdong studieren. Wer älter ist als 35 Jahre, braucht sich hier um einen Job in der Fabrik erst gar nicht zu bewerben. Im Durchschnitt sind die Arbeiter 29 Jahre alt, und sie verdienen leicht doppelt soviel wie ihre Kollegen in Peking.

Ausländische Investoren müssen einen Mindestlohn von 500 Hongkong-Dollar im Monat (gut 100 Mark) garantieren, hinzu kommen 138 Hongkong-Dollar für die Sozialversicherung. „Für Unterkunft, medizinische Versorgung und die Rente ist der Staat nicht verantwortlich“, sagt David Qing. Das ist Sache der Betriebe. Am liebsten wäre es der Regierung, jede Familie kaufte sich künftig eine Privatwohnung. Doch die eigenen vier Wände sind für die meisten Bürger noch nicht erschwinglich. Ein Drei-Zimmer-Apartment kostet in Shekou 50 000 Yuan (rund 16 000 Mark).

Was der Markt selbst regeln kann, darum soll sich die Regierung nicht kümmern: Von dieser Maxime der chinesischen Reformpolitik hat die Wirtschaftssonderzone Shenzhen besonders profitiert. Die Regierung in Peking verlieh 1980 vier Gebieten an der Küste diesen Status, der es ihnen erlaubte, mit günstigen steuerlichen Konditionen ausländisches Kapital anzulocken. Devisen für die Volksrepublik zu erwirtschaften und moderne Technik ins Land zu holen – diese Erwartungen standen am Beginn eines Experiments, das in den sozialistischen Ländern bis dahin ohne Beispiel war.