Von Fredy Gsteiger

Patrick Smets prescht mit dem Geländewagen 005 über den Bahnhofsvorplatz von Osijek. „Wenn du ein sirrendes Geräusch hörst, dann schlägt das Geschoß ganz in der Nähe ein.“ Der Belgier muß es wissen; seit dem vergangenem Frühherbst arbeitet er für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Osijek. Die Stadt kommt nicht zur Ruhe. Die Serben haben sie von drei Seiten umstellt. Noch immer fordert der Krieg fast täglich Tote. „Hier hat gestern eine Granate auf dem Markt eingeschlagen. Dort erhielt vorgestern die Kirche einen Volltreffer.“ Patrick weist auf die Zerstörungen und braust mit Vollgas gen Westen. Um die Schilder Radarska Kontrola schert sich hier kein Fahrer während der Alarme. Die Straßen Osijeks sind leergefegt; einige Pärchen finden es allerdings schick, im Granathagel Hand in Hand zu promenieren. Krieg als Nervenkitzel.

Der Feind kennt den Fahrplan. Mit Vorliebe schießt und bombt er, wenn ein Zug aus Zagreb eintrifft. Eine Haltestelle vor Osijek wird deshalb bereits routinemäßig ein Güterwagen mit einem Fliegerabwehrgeschütz angehängt. Die Wagen sind oft voll. Die ersten aus Osijek Geflüchteten kehren schwer beladen heim. Im Abteil tauschen sie gegenseitig ihre Fluchterlebnisse aus. Mehr als einer schluchzt, wenn er dabei wieder an die Opfer in seiner Familie denkt. Andere schweigen bange. Sie wissen nicht, was sie zu Hause erwartet. Aus einem Transistorradio kommen Nachrichten; wie immer ist von serbischen Angriffen die Rede. Die Leute im Zug fluchen. Die erste Begegnung mit Osijek, der Blick auf den dreimal bombardierten Bahnhof, läßt Hoffnungen sinken.

Die Trümmer werden jeweils in Windeseile beiseite geräumt. Verzweifelt versuchen die übriggebliebenen der einst 150 000 Einwohner ihre Stadt nicht verkommen zu lassen, den Anschein von Normalität zu wahren. Auf dem Höhepunkt der Kämpfe, als nach Vukovar auch Osijek in serbische Hände zu fallen drohte, lebten nur noch 20 000 Menschen hier – die Bäcker nennen diese Zahl. „Wir mußten bleiben. Meine Mutter war krank, und mein Vater durfte wegen des Militärdienstes nicht weg“, erzählt Lilijana Varga, eine Studentin. „Wir schliefen, wenn überhaupt, im Keller. Inzwischen ist es etwas besser; gestern gab es zwischen ein Uhr nachts und sechs Uhr keinen Alarm; wir wagten uns für einige Stunden hinauf in die Betten.“

Inzwischen sollen schon wieder 60 000 Leute in Osijek wohnen, aber der Ort wirkt immer noch geisterhaft. Brechend voll ist einzig die Unterführung unter dem Rathausplatz. Ursprünglich war sie als unterirdisches Einkaufszentrum gedacht. Statt dessen leben hier jetzt in zwei- und dreistöckigen Kajütbetten Vertriebene. In den Notlagern stinkt es nach Schweiß, Blut und Urin.

Viele Menschen sind auch nach Ungarn geflüchtet. Jedesmal wenn sie über Radio Zagreb von einem Angriff auf Osijek hören, rufen meine Verwandten an, um zu fragen, ob wir noch leben“, meint Lilijana. Das wird allmählich lästig. Osijek nikada neće biti Ocek steht auf einem Plakat, das Mirko Volašević überreicht: Osijek wird nie Ocek (der serbische Name für die Stadt) heißen. Serbien hat das noch nicht akzeptiert.

Aber auch von kroatischer Seite gehen Aggressionen aus. Oftmals sind zuerst kroatische Abschüsse zu hören, worauf dann serbische Einschläge folgen. Nicht immer stimmt die Lesart der kroatischen Nachrichtenagentur Hina: „Die kroatische Seite war gezwungen zu erwidern.“ Zagreb und Belgrad könnten den Krieg stoppen. Doch keine Seite hält den Zeitpunkt für gekommen.