Von Elfriede Jelinek

Es ist eine Frau verschwunden, die zuletzt, lange Zeit, nur noch eine Stimme, gelegt auf alte Photos, gewesen ist. Eine „zu Tode Photographierte“, wie sie selbst gesagt hat: eine Fläche mit einem Bild, und auf dieses Bild konnte jeder ein zweites projizieren, ein Bild auf ein Bild, und trotzdem ist sie darunter immer eine, eine einzige geblieben. Keine von den reinen Natur-Frauen, die das Dritte Reich sich angeeignet hatte und die von ihm profitierten, nicht die ungeschminkte fesche Bergsteigerin oder eine im Schidreß und hinter ihr die ewige männliche Projektion der Unschuld – die verschneiten Berge (vor denen die Frau verschwindet, endlich selbst verdrängt, und, in ihrem Verschwinden, zur personifizierten Unschuldigkeit gemacht), nicht das bäurische deutsche Mädel mit dem breitflächigen Gesicht, die Polenvernichterin mit ihrem klangvollen Kinderton („Sie wissen doch, wir kaufen nicht bei Juden!“), nicht der Vamp mit der sicherlich größeren Stimme, dem der Wind aber immer nur dasselbe erzählt, das alles oder nichts sein kann, egal was.

Nein. Kein Nicht-Gesicht, sondern, in seiner extremen Künstlichkeit, ein Menschen-Gesicht, das jede – männliche wie weibliche – Projektion wieder auf sich selbst zurückwirft, weil das eigene

Sein so stark und eigensinnig ist, daß es den Blick wieder zurücklenkt auf den, der das Fleisch beschaut.

Eine Film-, eine Photofläche, die wiederum auf eine Fläche aufgetragen ist und die jeder als erhaben, erhöht empfinden muß. Aber diese Erhöhung ist nicht charmantes, mondänes, nebensächliches Detail, sondern es ist immer nur sie, die sich aus dem Bild wieder herausarbeitet: diese hochgezogenen Brauen, die dort von Natur aus nie gewachsen waren! Der berühmte weiße Strich auf dem Nasenrücken, um die Entenschnabel-Nase klassisch erscheinen zu lassen. Die endlosen Wimpern! Aber all diese Künstlichkeiten, nur dazu geschaffen (aber nicht von Mutter Natur!),

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um das Verborgene herauszureißen aus der Unverborgenheit (bis sich diese Frau schließlich endgültig selbst verborgen hat), all diese Farbpinsel, einmal sogar die Goldfarbe am ganzen Körper, sie haben diese Frau nur immer wirklicher gemacht.