Noch Groteske? Schon Skandal. Kleinkarierte Bürokratenkämpfe um Schränke, Kisten, Kartons bringen die Forschung in Not. Betroffen ist die Kleist-Ausgabe, deren ersten Band Roland Reuß und Peter Staengle 1988 im Verlag Stroemfeld/Roter Stern herausgebracht haben – unter dem Signum „BKA“. Die Buchstaben sollten damals gelesen werden als „Berliner Kleist Ausgabe“. Nach einem für die künftige Haupt- und Kulturstadt beschämenden Eiertanz um die Finanzierung der Ausgabe hat das Land Brandenburg erkannt, welche Lorbeeren mit der Unterstützung der Edition preiswert zu gewinnen sind, deren fünfter Band („Penthesilea“) im September erscheint, die jetzt „Brandenburger Kleist-Ausgabe“ heißt. Und gehört die BKA, buchkünstlerisch schönste aller zur Zeit erscheinenden Werkausgaben deutscher Dichter, nicht ins Land Brandenburg? Hat Kleist nicht sechs Jahre im Potsdamer Garderegiment gedient, gelitten, erst als Portepee-Fähnrich, zuletzt als Sekonde-Lieutenant? Erinnern Herausgeber und Verlag nicht an Kleists Preußen, wenn sie uns die Text- und Kommentarbände in den blau-roten Uniformfarben der friderizianischen Armee ins Regal stellen?

Brandenburgs Kassen sind, wie zu Kleists Zeit, leer. Aber der Minister Hinrich Enderlein hat, anders als die Senatorenmannschaft im nahen Berlin, Gespür für Pflicht – und für Treue gegenüber einem armen Landeskind wie Kleist.

1 Jahr, 2 Schränke

Doch weshalb muß einer der beiden Herausgeber der BKA, Peter Staengle, Vergeudung von Steuermitteln beklagen? „Will man sich auf die Spuren Kleists begeben, muß man auf Deutschland-Tournee gehen und überall in der Gegend herumsausen?“ Kleists literarische Hinterlassenschaft muß in der Amerika-Gedenk-Bibliothek in Berlin, in der Kleist-Gedenkstätte in Frankfurt an der Oder und in Heilbronn gesucht werden. Heilbronn? Wieso und seit wann Heilbronn?

Der 21. August 1991 war für die „Käthchen-Stadt“ ein großer Tag. Der Oberbürgermeister, Manfred Weinmann, begrüßt in der Stadtbücherei das kulturelle Heilbronn mit den Worten: „In diesem Jahr begeht unsere Stadt ihren 1250sten Namenstag. In das Jubiläumsjahr fällt ein Ereignis, auf das wir zu Recht stolz sein können. Die Stadt hat das Kleist-Archiv Sembdner übernommen. Die Bücherei wird die Sammlung geschlossen und gesichert, aufbewahren, laufend ergänzen und katalogmäßig mit Hilfe der elektronischen Datenverarbeitung erschließen.“ Dann dankt der Oberbürgermeister dem aus Stuttgart angereisten Kleist-Forscher Helmut Sembdner und versichert: „Mit der Übernahme Ihrer wissenschaftlichen Sammlung durch die Stadt Heilbronn ist Ihr Lebenswerk für die Zukunft gesichert.“

Seither ist das Archiv so gut wie unzugänglich, selbst für Sembdner, der in diesen Tagen dem Kulturdezernenten, Rainer Casse, schreiben muß: „Wegen der mangelhaften Unterbringungs- und Katalogisierungsmöglichkeit habe ich neubeschafftes Material bereits nicht mehr in das Archiv geben können.“ Sembdner erinnert an die siebzehn Kisten, einzigartiges Material für die Forschung, die er der Stadt vermacht hat.

Antwort aus Heilbronn: „Das Angebot für zwei Schränke, die in spätestens zwei Monaten zur Verfügung stehen, liegt jetzt vor.“ Und der böse Nachsatz: Die Stadt als Eigentümerin des Archivs habe sich mit dessen Erwerb nicht auch zu einem „genauen Zeitplan“ zur Erschließung der Schätze verpflichtet.