Jürgen W. Möllemann wurde nicht, wie viele neuerdings glauben, in Münster geboren, sondern in Augsburg. Aber er legte im Jahre 1969 als 24 Jahre alter Student an der Pädagogischen Hochschule zu Münster die Erste Staatsprüfung für das Lehramt an den Grund- und Hauptschulen in den Fächern Germanistik, Geschichte und Sport ab. Ein Ereignis, das 23 Jahre später weitreichende Folgen haben sollte: Im Jahre 1992 nämlich war Deutschland wieder einmal an der Reihe, den Wirtschaftsgipfel der sieben führenden Industrienationen auszurichten. Und es wurde beschlossen, daß das Treffen Anfang Juli stattfinden soll, und zwar ausgerechnet in München, was unter Eingeweihten als Erfolg für den CSU-Vorsitzenden und Finanzminister Theo Waigel gilt. Ein Affront mithin für Jürgen W. Möllemann, der es mittlerweile zum Bundeswirtschaftsminister gebracht hat, bald Vizekanzler wird, und der immer noch in Münster wohnt.

Wenn der Waigel einen Gipfel bekommt, muß der Möllemann auch einen haben. Soviel war klar, und damit stand auch Münster als Konferenzort fest. Und zwar noch ehe ein Konferenzzweck gefunden war – ein ziemlich einmaliger Fall in der Geschichte. Der Mangel war jedoch schnell behoben, und so fand von Donnerstag bis Samstag voriger Woche in Münster „auf Einladung des Bundesministers für Wirtschaft der Bundesrepublik Deutschland“ der erste „Ost-West-Wirtschaftsgipfel“ statt.

Die Wirtschafts- und Handelsminister aus Weißrußland, Kasachstan, der Ukraine, Rußland, der ČSFR, Polen, Ungarn, Frankreich, Italien, Japan, Kanada, Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Deutschland, dazu Repräsentanten der EG-Kommission, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) und der Osteuropabank versammelten sich im Münsterschen Rathaus. Darum herum gab es eine Art Volksfest und vor allem viele, viele Fernsehkameras.

In all dem einen Sinn zu erkennen war wohl das schwierigste Problem, das sich den Journalisten in Münster stellte. Fragte man Beamte des Wirtschaftsministeriums, was das Ganze denn solle, so erhielt man als Antwort nur ein gequältes Lächeln. Fragte man angereiste Unternehmer, dann äußerten sie sich zum Beispiel so: „Überflüssig wie ein Kropf, aber zitieren Sie mich nicht.“ Die offiziell geladenen Konferenzteilnehmer waren natürlich viel höflicher. Vladimir Dlouhy zum Beispiel, der Wirtschaftsminister der Tschechoslowakei, meinte vorsichtig, der Text der Schlußerklärung sei doch wohl sehr allgemein gehalten. Aber, so fügte er schnell hinzu, man solle diese Aussage bloß nicht so verstehen, als habe es in Münster nichts Neues gegeben.

Liest man besagte Schlußerklärung auf der Suche nach einem Sinn, so stößt man auf Sätze wie: „Die Teilnehmer sprachen sich für eine starke Unterstützung der bereits eingeleiteten Reformanstrengungen aus.“ Muß man dazu 15 Minister, 300 Journalisten, 18 Kamerateams und 1000 Polizisten und Polizistinnen zusammenkarren? Und ist das insgesamt 250 000 Mark Steuergelder und 750 000 Zuschüsse aus der Wirtschaft wert? Nicht gerechnet die Dienstleistungen des Presse- und Informationsamtes der Stadt Münster sowie der Firma Mercedes-Benz, die eine Flotte von Limousinen der S-Klasse bereitstellte.

Es bedurfte schon eines Möllemann, um all dies einen „Gipfel“ zu nennen. Und bereits kurz nach Konferenzbeginn einen „Geist von Münster“ am Werke und einen „Münster-Prozeß“ in Gang gesetzt zu sehen, was immer beides bedeuten mag.

Bleibt noch, von ein paar Merkwürdigkeiten am Rande zu berichten. Von der feierlichen „Begrüßung“ der Teilnehmer vor dem Rathaus etwa – am Freitag nach dem Mittagessen, als der Gipfel bereits in seine zweite Runde ging. (Morgens, beim tatsächlichen Konferenzbeginn, wäre ja niemand zum Zuschauen dagewesen.) Als erste fuhr Barbara H. Franklin nach dem Essen vor, die Leiterin der amerikanischen Delegation. Nur leider war zu diesem Zeitpunkt das Begrüßungskomitee, bestehend aus Möllemann und Oberbürgermeister Jörg Twenhöven (CDU), noch gar nicht auf dem Platz. Unbegrüßt, aber tapfer lächelnd, schritt Frau Franklin über den roten Sisalteppich in den Friedenssaal des Rathauses. Es gelang dem Protokoll dann leider auch nicht, die Ministerin zwecks ordentlicher Begrüßung noch einmal herauszulocken.