Von Hanns-Bruno Kammertöns

Der Reiz ist verflogen. Wenn Flugzeuge starten oder landen, schaut Georg Osteraue nicht mehr hin. Die Zeit, in der er das Fliegen faszinierend fand, liegt schon eine Weile zurück. Genau gesagt: dreißig Jahre. Damals war er Soldat und saß im Tower des Flughafens Lübeck-Blankensee und kontrollierte den Luftraum. Da kannte er sich aus und konnte jede Maschine schon von weitem bei ihrem Namen nennen. Doch als dieser Dienst vorüber war, erlosch sein Interesse an Flugzeugen schnell.

Georg Osteraue, in einem kleinen Ort in der Nähe von Dachau geboren, hatte Bierbrauer gelernt. Er kannte München und Dortmund. Weil schon andere Bierbrauer ihr Glück in Australien gesucht hatten, reiste auch er nach Sydney. Bier nach deutschem Rezept, eine Weile ging es gut, er hatte zu tun, dann änderten sich die Verhältnisse, Georg Osteraue mußte sich umsehen und fortan Felgen montieren und Autoreifen aufziehen. Nach zweieinhalb Jahren („die Mutter war allein daheim“) kehrte er mit seiner Frau nach Bayern zurück. Zum Abschied bat ihn jemand, einem Gepäckträger am Flughafen München Riem gute Wünsche auszurichten: „Grüß mir den langen Hans!“ So fing alles an.

Wie sich herausstellte, war der lange Hans, zusammen mit einigen anderen Exaustraliern, als Gepäckträger in Riem zufrieden und erfolgreich tätig. Georg Osteraue sah es. Spontan, wie es seine Art ist („ich verplane nicht das Leben“), streifte auch er den grünen Dienstmannkittel über. Das war vor 21 Jahren, genau an jenem Tag übrigens, an dem der Flughafen auch seine neue Ankunftshalle bekam. Seitdem ist er Gepäckträger, „der dienstälteste in Riem“. Freundlich bittet er, neben ihm auf der sparsam gepolsterten grünen Sitzbank der Gepäckträger Platz zu nehmen. Vorhin, als er von Lübeck, Dortmund und Sydney erzählt hat, ist er immer wieder unterbrochen worden. Jemand winkte nur kurz – und unverzüglich ist er mit seiner Karre hingefahren. Jetzt ist es kurz nach zehn am Vormittag und merklich ruhiger. „Die Geschäftsflieger sind alle weg“, sagt Georg Osteraue, als wir uns zurücklehnen. Allerdings, um 12.35 Uhr ginge noch einmal eine Maschine nach Chicago.

Direkt vor unserer Bank vor dem Terminal 1 („Anschlußflüge/Inland“) beginnt ein Spediteur damit, Damenkostüme auszuladen. Sie hängen an jener Art von Kleiderständern, die, wenn sie gerollt werden, gerne in sich zusammenfallen. Etwas besorgt schaut der Dienstmann zu. Die Kostüme gehören zu den letzten Frachtstücken, die nach Riem geliefert werden.

Ob es unter den Dienstmännern wegen des Umzugs nach Erding so etwas wie Wehmut gibt? Die Überschaubarkeit des Geländes, eine gewisse Intimität, ja, das sei schon sehr schön gewesen, gibt Georg Osteraue zu bedenken, andererseits habe es, gerade in den Stoßzeiten, bei Messen, mit der Karre oft kein Durchkommen mehr gegeben.

Hinzu kommen andere bauliche Uneigenarten, die dem Gepäckträger das Leben bisweilen schwermachen. Mit einem Schrittzähler ist nachgemessen worden, daß jeder der zwanzig Dienstmänner am Tag rund 25 Kilometer zurücklegt, die Hälfte davon, so Osteraue, unter Belastung, mit Koffern. Unterwegs von Terminal zu Terminal, im Winter bei Matsch und Schnee, es waren beschwerliche Wege. Da habe es sich immer wieder gezeigt, daß es eigentlich nicht ausreicht, nur die Parkplätze komplett mit einem-Dach zu versehen.