Von Hansjakob Stehle

Milde Worte aus verkrampftem Mund wecken Zweifel. Sie lassen jedoch aufhorchen, wenn man sie so wie der serbische Präsident Slobodan Milošević zu Papier bringt und weit weg veröffentlichen läßt – in einer japanischen Zeitung. Da war er, der im Blutbad zu versinken droht, das er anrichten ließ, zum erstenmal zu einem Eingeständnis bereit: „Alle, auch Serben“, seien am Krieg in Bosnien schuld. Das klingt zwar anders als der harte Vorwurf, den der deutsche Außenminister Genscher der Republik Serbien und ihrer „Volksarmee“ nachruft: Sie trügen die „weitaus größte Verantwortung“. Doch schon versuchte Milošević, mit einem taktischen Schachzug gegen eben diese Armee seine großserbische Strategie vor dem Würgegriff der internationalen Isolierung Serbiens zu retten.

Wer ist dieser „starke Mann“, der im Augenblick seiner offenkundigen Schwäche so auftrumpft, daß sich vierzig altgediente, eben noch putschverdächtige Generale von ihm in den Ruhestand schicken lassen? Ist er ein balkanischer Saddam oder Stalin, wie seine Gegner noch vor einem Jahr brüllten? Oder ein kleiner Tito, wie er sich – wenn auch auf Riesenportraits – bei Massenkundgebungen feiern ließ?

Milošević’ Selbstinszenierung als Volkstribun hat mit dem Zerfall Jugoslawiens, der sich seiner Regie immer mehr entzieht, viel Glanz verloren. Die Zeiten, da er alle Register der Demagogie zog, scheinen vorüber. Immer seltener tritt er vor die Öffentlichkeit. Es ist jedoch kein erzwungener Rückzug wegen seiner Mißerfolge, eher eine Konzentration auf das, was ihn immer schon am meisten faszinierte: die Macht, ihre Mechanik und ihre Erhaltung.

Schon der siebzehnjährige Jurastudent, der 1941 als Sohn eines serbisch-orthodoxen Popen geboren wurde, wandte sich weniger aus idealer oder ideologischer Begeisterung den jugoslawischen Kommunisten zu. Ihn beeindruckte vor allem der Mann, dessen verehrte „Ikone“ bildlich und wirklich über dem Land schwebte: Tito. Nicht das System, sondern Tito habe funktioniert, sagte Milošević 1989, als er das System zu kritisieren und in die Rolle des „großen Führers“ zu schlüpfen begann. Dumpf mochte er ahnen, vielleicht sogar wissen, daß nicht ein Erbe, vielmehr ein Konkursverwalter gefragt war.

Politische Phantasie bleibt Milošević ziemlich fremd, ja verdächtig. Nicht von ungefähr verschaffte er sich das Rüstzeug zum politischen Technokraten in der Wirtschaft, die Titos „selbstverwalteter Sozialismus“ mit Tricks und westlichem Wohlwollen über Wasser hielt. Mit 33 Jahren hatte es Milošević zum Generaldirektor von Technogas, vier Jahre danach zum Präsidenten der Beobanka in Belgrad gebracht. Hier lernte er nicht nur mit Dinar und Dollar zu rechnen, sondern auch mit den Machtchancen, die in den Schwächen des Staatsapparates und seiner Vetternwirtschaft steckten.

Im, wie er meinte, richtigen Augenblick, nämlich am Vorabend der Existenzkrise Jugoslawiens, schaffte Milošević den Sprung vom Belgrader zum serbischen Parteivorsitzenden (1986) und zum Präsidenten der Teilrepublik (1987). Sein erstes trauriges Heldenstück, mit dem er den Kommunismus aus- und den Nationalismus einläutete, war die Unterdrückung der albanischen Minderheit im Kosovo. Eine Generalprobe „friedlicher Eroberungen“ auf dem Marsch zum alten großserbischen Reich?