Von Christoph Dieckmann

Nur der Vorhang mußte noch aufgezogen werden. Das Stück war längst geschrieben. Schon vor fünf Wochen, bei der letzten heuchlerischen Versöhnung mit Peter-Michael Diestel, hatte Brandenburgs CDU-Chef Ulf Fink der Presse zugeraunt, „das Problem“ sei „bis zum Sommer gelöst“.

Nun endlich versperrt ihm der verhaßte Fraktionsvorsitzende im Landtag nicht länger den Weg – wenngleich Diestels politische Beseitigung anders verlief, als Fink sich das gedacht hatte. Schnöderweise erschien das Opfer nicht zur Schlachtung auf der Bühne des brandenburgischen CDU-Parteitages in Werder, sondern trat anderthalb Stunden vorher zurück. Fink triumphierte trotzdem – vielleicht zu früh. Tot ist Diestel noch lange nicht.

Potsdams Ministerpräsident Manfred Stolpe nannte den Abgang seines Oppositionsführers einen Verlust. Auch der Kanzler müßte eigentlich so sprechen. Denn ohne Diestels Hilfe, ohne die frischen Salatblätter DSU und Demokratischer Aufbruch hätte Helmut Kohl vor der Volkskammerwahl 1990 die Kröte Ost-CDU nicht schlucken können. Diestel wechselte später – nach unendlichen Querelen mit seiner DSU – zur CDU und lockte dort weiter wider den Stachel. Wiederholt warf man ihm Partei Vergessenheit vor, was nur bedingt stimmte. Diestels Interesse galt weniger der CDU als ihm selbst. Er war schlicht in der „Diestel-Partei“. Bei so beträchtlicher Eigenliebe wählte er sich für sein Ego ein akzeptables Image: Anwalt der Ostler wolle er sein, und niemand solle sich seiner DDR-Abstammung schämen.

Alle Ostler sind aus demselben Stall – natürlich hat Diestel mit dieser Botschaft eine Marktlücke bedient und Populismus betrieben, wie es auch Manfred Stolpe tut mit seinen „Brandenburger Menschen“. Nach Diestel stellt sich die DDR als ein selbstevidentes Gesamtkunstwerk dar: Sie war, wie sie war, im Bösen wie im Guten. Posthum und schon gar von Westen her sei sie nicht umzudeuten. Was der Interpret des Arbeiter-und-Bauern-Staates zum besten gab, war bedenkenswert, wenn er erinnerte – und war Humbug, wenn er rundum verzieh. Aber auf seine Art blieb Diestel meistens amüsant: Anders als viele seiner östlichen Kollegen adaptierte Diestel nicht die westdeutsche Politrhetorik; statt dessen behielt er sein angeborenes Mundwerk. Dabei sprach er schneller, als er dachte – der folgende Ärger freute ihn wie das Publikum.

Leicht blümerant wurde es Diestel allerdings, nachdem er mit seinem DDR-Herrschaftswissen angegeben hatte: „Ich könnte die Betrachtungsweise zu manchen Politikern sehr nachdenklich gestalten.“ Das legte man ihm als Erpressung aus. Aber nicht doch: Eigentlich habe er doch nur sagen wollen, „daß ich als DDR-Innenminister meine Ohren nicht auf Durchzug stellen konnte“.

Welchen Weg hätte die brandenburgische CDU genommen, wäre Angela Merkel statt des West-Importes Ulf Fink zur Vorsitzenden gewählt worden, die biedere Pastorentochter statt des machtbewußten Politakteurs? Angela Merkel hätte zumindest mit Diestel um die Ostlerrolle konkurriert; und sie hätte die vielen Brandenburger CDU-Blockflöten gewiß nicht stärker umworben als der aalige Fink, dem „der liebe Gott das Zum-Munde-Reden unauslöschlich ins Gesicht geschrieben hat“ (SPD-Chef Steffen Reiche). Zum Ausgleich zeigt Fink sich gern mit SED-Opfern und macht aus den Zweifeln an Manfred Stolpe und der DDR-Amtskirche CDU-Politik. Daß Diestel den SPD-Ministerpräsidenten schonte, muß Fink als unbegreifliche politische Eselei vorgekommen sein: Wann, wenn nicht jetzt, wollte man Stolpe denn stürzen?