Von Gunter Hofmann

Nur ein einziger namhafter Politiker hat bisher öffentlich dafür plädiert, die Neuauflage einer großen Koalition zu wagen. Gerhard Schröder, Hannovers sozialdemokratischer Ministerpräsident an der Spitze einer rotgrünen Koalition, ist für diese offenen Worte prompt heftig gescholten worden.

Entweder, so hatte er argumentiert, müsse man „knallharte“ Opposition betreiben oder mit am Regierungstisch sitzen. Wenn schon, denn schon, lautet sein Motto. Das Gemauschel in der Grauzone sei einfach der falsche Weg. Willy Brandt applaudiert der Idee vorsichtig, ihm fällt der Gedanke an eine engere Kooperation ohnehin nicht schwer.

Nach außen steht aber die Abwehrfront. Tatsächlich verfügt Helmut Kohl ja auch über eine satte Mehrheit. Er kann und will sich eine große Koalition nicht vorstellen; es wäre schließlich eine Koalition ohne ihn. Solange der Kanzler und die Freidemokraten ihre Mehrheit beisammenhalten, hat eine andere Koalition keine Chance. Im übrigen stellt die große Koalition für die meisten politisch interessierten Menschen im Lande einen Alptraum dar. Auch wenn sie Otto Graf Lambsdorff, in disziplinierender Absicht, schon in der Nase spürt, als wittere er Aas – realistisch ist das Gedankenspiel im Augenblick nicht.

Aber warum wird dann hinter den Kulissen über eine große Koalition als politische Möglichkeit anders gedacht und geredet als öffentlich? Und warum hat die Diskussion heute einen anderen Stellenwert als im Jahre 1966, zu Beginn der ersten und einzigen großen Koalition in der alten Bundesrepublik?

Die erste große Koalition in Stuttgart zwischen 1966 und 1972 hatte sich parallel zur Großen Koalition in Bonn zusammengefunden. Die Erinnerung an die Koalition Kiesinger/Brandt im Bund (1966 bis 1969) schreckt. Niemand im Parteirat der SPD widersprach Björn Engholm, als er am vergangenen Dienstag noch einmal wiederholte, eine große Koalition stehe gegenwärtig nicht zur Debatte; zu Neuwahlen hingegen sei die SPD durchaus bereit.

Helmut Kohl ist jeder Gedanke daran fremd. In einer großen Koalition sieht er den Keim eines neuen Machtverlustes und Machtwechsels. Schon 1990 widersprach er vorbeugend den Überlegungen Hans-Jochen Vogels, sich mit den ökonomischen und sozialen Folgen der deutschen Vereinigung an einem runden Tisch zu befassen.