ZDF, freitags: „Felix und zweimal Kuckuck“

Die Videotechnik erlaubt es Schauspielern, ihre Kunst daheim und diskret zu überprüfen. Offenbar sind die erfolgreicheren zu beschäftigt dazu. Denn sie werden und werden ihre Macken und Ticks und Manierismen nicht los. Ja, im Gegenteil, sie vererben ihre Routine an die nachrückende Generation von Jungschauspielern, so daß sich inzwischen ein Kanon von Ausdrucksstereotypen entwickelt hat, der in den Fernsehstudios als Natürlichkeit mißverstanden und gepflegt wird, während er dem Publikum als Getue auf die Nerven fällt und nur der großen Liebe einer Glotzgemeinde zu ihren Serienstars wegen als Schauspielkunst durchgeht.

Jetzt aber, liebe vielbeschäftigte TV-Schauspieler und -Schauspielerinnen, könnt ihr nicht mehr so freiweg daherseufzen, -stutzen und -nölen, wie ihr es gewohnt seid, denn: Die Ossis kommen. Und die sind – hier hielt die Mauer dicht, trotz blockdurchdringender TV-Strahlung – weitgehend immun gegen eure Zicken. Sie stellen sich vor die Kamera und sprechen wie Menschen und schauen aus der Wäsche wie du und ich und behandeln eine Situation, in der sie zu agieren haben wie im Leben, als etwas Besonderes und Erstmaliges anstatt als beliebiges Glied in einer endlosen Kette von Déjà-vus, wie sie in Fernsehstudios am Fließband produziert wird. Deshalb sind uns die Ossis vor der Kamera sehr lieb. Und wollt ihr, liebe West-Mimen, eure Stellung halten, so kauft euch ein Videogerät, zeichnet eure Auftritte auf und errötet tief über eure dusseligen Marotten.

Ein westdeutscher Serienschauspieler, der auf eine durchschnittlich erstaunliche Situation reagieren soll, zieht rasch und scharf die Luft ein, schließt einmal kurz die Augen und spricht dann mit einem mild-vorwurfsvollen Unterton seine Zeile. Eine westdeutsche Serienschauspielerin, die auf eine durchschnittlich herausfordernde Situation reagieren soll, stößt kurz und scharf die Luft aus, schließt einmal genervt die Augen und spricht dann mit leicht nörgelndem Beiklang ihren Text. Es ist immer dasselbe und schier unerträglich. Schon das Weglassen dieser standardisierten Stutz-Atmer würde den westdeutschen Schauspielerstand um eine ganze Klasse aufwerten.

Möglicherweise wird, was gutes Zureden nicht vermochte, von der Peitsche der Konkurrenz erzwungen. Denn die Ost-Akteure drängen mit all ihrer wunderbaren Präsenz in die gesamtdeutschen Ateliers, und wer sollte sie aufhalten. Sie sind einfach besser. Wie jede Pauschalaussage wird auch diese durch eine lange Liste von Ausnahmen eingeschränkt, aber unterm Strich bleibt’s dabei: Ost-Schauspieler fallen durch wohltuende Mätzchenfreiheit auf und beweisen einem abgebrühten Publikum, daß Fernsehkameras nicht alle Schauspielkunst ertöten müssen.

Wer ein Beispiel wünscht, schalte die Vorabendserie „Felix und zweimal Kuckuck“ ein. Dort gerät ein aus Amerika an den Bodensee heimgekehrter junger Mann zwischen seine beiden Jugendfreundinnen, rettet seinem Tantchen, das ihn einst aufzog, das Häuschen und gibt Anlaß für jede Menge Eifersucht. Tantchen: „Weißt du eigentlich, daß du ein sehr gut aussehender junger Mann geworden bist?“ – „Nö.“ – „Lügner!“ Der Ossi Karsten Speck spielt Felix, an seiner Einfachheit und seinem Sex-Appeal hängt die ganze Serie. Sie hängt dort gut und sicher. Zur Eifersucht besteht jede Menge Anlaß. Barbara Sichtermann