Von Ehud Sprinzak

Israel hat den von Amerika offerierten Zehn-Milliarden-Dollar-Kredit und den damit verbundenen Siedlungsstopp auf der Westbank abgelehnt und damit gezeigt, welch wesentliche Rolle die radikale Rechte bei den wichtigsten Entscheidungen des Landes spielt. Anders als viele Freunde Israels glauben, ist sie nicht länger eine kleine extremistische Randgruppe, sondern vielmehr eine bedeutende Schule des israelischen Zionismus, deren Gedankengut von gebildeten und intelligenten Führern, die in der Öffentlichkeit hohes Ansehen genießen, verbreitet wird. Die israelische Innenpolitik ist gegenwärtig nur zu verstehen, wenn man die radikale Rechte mit einbezieht.

Als organisiertes politisches Lager besteht die radikale Rechte in Israel aus drei politischen Parteien, Tehiya („Wiedergeburt“), Moledet („Vaterland“) und Tzomet („Scheideweg“). Diese Parteien haben gegenwärtig einen Stimmenanteil von fünf Prozent in der Knesset, werden diesen Prozentsatz jedoch bei den nächsten Wahlen vermutlich verdoppeln. Zusätzlich ist die radikale Rechte innerhalb des Likud-Blocks, Israels Regierungspartei unter Ariel Scharon, und in der Nationalen Religiösen Partei stark vertreten. Zwei religiöse Bewegungen, Gush Emunim (der Block der Gläubigen) und Kach (die Anhänger des verstorbenen Rabbi Kahane), vertreten die extreme Rechte an der Siedlungsfront in den besetzten Gebieten. Viele Zusammenstöße mit den palästinensischen Bewohnern gehen auf ihr Konto.

Daß sich viele Freunde Israels weigern, die zentrale Rolle der radikalen Rechten im Leben der Israelis anzuerkennen, liegt vor allem daran, daß sie die Begriffe „extreme Rechte“ und „jüdischer Staat“ als widersprüchlich empfinden. Sie begreifen einfach nicht, wie Israel, ein Flüchtlingsstaat und geprägt durch die Erinnerungen an den Holocaust, extremen Ultranationalismus, den Ausschließlichkeitsanspruch der Juden und ethnische Diskriminierung tolerieren kann.

Die moderne radikale Rechte bildete sich nicht etwa 1948 unter dem Einfluß des Antisemitismus in der Diaspora und des Holocaust. Sie wurde erst zwanzig Jahre später ins Leben gerufen und durch zwei große Ereignisse geprägt, den Sechs-Tage-Krieg 1967 und die Vereinbarungen von Camp David 1978. Der Krieg 1967 und der unbegreifliche Sieg über die Araber veränderten die israelische Seele. Dieser Sieg, die Zerstörung dreier arabischer Armeen binnen einer Woche, war für das Land ein Wunder biblischen Ausmaßes. Und durch ihn fühlten sich die Israelis wieder Alt-Jerusalem, Judäa und Samaria, der biblischen Wiege der Nation, zugehörig. Der Juni des Jahres 1967 verlief so dramatisch, daß sich in vielen Israelis ein Bewußtseinswandel vollzog. Sie entdeckten den Ruhm Gottes und waren fasziniert von der Vorstellung eines jüdischen Reiches. Unverzüglich zurückgekehrt zu den Mythen von Moses, Joschua und König David und der Eroberung Kanaans, sahen sie sich nicht mehr als ein Volk gehetzter Flüchtlinge, sondern als eine gewaltige Macht, die – mit Gottes Hilfe – dazu bestimmt war, ihr Territorium auszudehnen und zum Herrscher des Nahen Ostens zu werden. Den stärksten Ausdruck findet der neue Radikalismus in einer messianischen gesellschaftlichen Strömung namens Gush Emunim, die 1967 ins Leben gerufen wurde. Die Theologen von Gush Emunim sind überzeugt, daß die religiöse Erlösung nahe ist und daß Gott, der das Wunder von 1967 geschehen ließ, zuvor noch die besetzten Gebiete besiedelt sehen will. Gerüstet mit dieser unerschütterlichen Überzeugung begannen jugendliche Gush-Emunim-Anhänger Ende der sechziger Jahre mit der Besiedlung der unfruchtbaren Hügel der Westbank und wurden zur ideologischen Speerspitze eines neuen, glühenden Radikalismus.

Zu der großen ideologischen Attraktivität der Bewegung für zionistische, religiöse Juden und ultranationalistische Kreise kam hinzu, daß Gush Emunim in den siebziger Jahren eine sehr sensible Saite in der kollektiven israelischen Psyche anschlug, nämlich die liebevoll gehegte Erinnerung an die Ansiedlung der Zionisten und die ersten Kibbuzim der zwanziger und dreißiger Jahre. Ehemalige Siedlungsaktivisten sahen in Gush Emunim die Wiedergeburt ihrer glorreichen Jugend. Die Gush-Jugendlichen waren die „echten“ Israelis, die Menschen, die das eigentliche zionistische Ideal der Selbstaufopferung und der nationalen Erfüllung in einem materialistischen und dekadenten Zeitalter wieder lebendig werden ließen.

Bis 1978 bestand eine große Affinität zwischen den neuen Radikalen und Israels traditionellen Nationalisten unter der Führung Menachem Begins. Beide standen in politischer Opposition zur herrschenden Arbeitspartei, und beide hofften, an die Macht zu kommen und die besetzten Gebiete zu annektieren. Doch ein Jahr nach der Erfüllung des Traumes, der Machtübernahme Menachem Begins, war die radikale Rechte geschockt. Menachem Begin, der Mann, dem sie vertraut hatte, unterschrieb einen Friedensvertrag mit Ägypten, in dem es unter anderem um die Rückgabe des Sinai, die Zerstörung jüdischer Siedlungen in den evakuierten Gebieten sowie die Anerkennung der Autonomie der Palästinenser in der Westbank durch Israel ging. Niedergeschmettert und in dem Gefühl, verraten worden zu sein, spaltete sich die radikale Rechte von der Likud-Partei ab und organisierte sich politisch neu. 1990 erreichte die radikale Rechte ihren politischen Höhepunkt. Ihren drei Parteien wurde die Regierungsbeteiligung angeboten und damit das Vetorecht über viele friedenspolitische Entscheidungen Jitzchak Schamirs.