ZDF, Sonntag, 17. Mai, 22.30 Uhr: „Gekaufte Bräute“

Hanna (Margerita Broich) ist ein Unglückshuhn. Sie fährt gar nicht schnell in ihrem klapprigen Renault, es ist dunkel, es schneit – da läuft ihr eine leichtbekleidete Frau vors Auto: Sie ist sofort tot. Hanna fühlt sich schuldig, sie geht dem Unfall auf den Grund. Die Leichtbekleidete kam aus Manila in der Annahme, eine glückliche deutsche Ehefrau zu werden. Statt dessen wurde sie in einem Bordell dienstverpflichtet; in Panik war sie auf der Flucht und kam nur bis zur Autobahn. Hanna, die eigentlich Photographin ist, irrt nun im Schock über die Piste, sucht ihre verstreuten Photos zusammen, findet ein Amulett der Toten.

Wie sie da halb in der Trance zwischen den Autos hin über die Piste huscht – und schon ahnt, daß es viel mehr zu bedeuten hat als einen dummen Zufall: Das ist eine große Szene in dem Film von Käthe Kratz (Buch und Regie). Zwei Frauen sind sich an einem extremen Punkt ihres Lebens auf extreme Art begegnet, und Hanna sieht die nächtliche Autobahn so unwirklich, wie sie es tatsächlich ist.

Hanna ist als Photographin eher erfolglos. Wenn wir sie bei der Arbeit sehen, benimmt sie sich nicht sehr professionell. Sie ist un-cool, sie ist in einer Weise an dem beteiligt, was sie photographieren will, daß sie sogar Mühe mit ihrer Feinmotorik hat, mit dem Kamerahalten, mit dem Abdrücken. Sie ist der Clown ihres Berufsstandes in Situationen, wo es darauf ankäme, sensationelle Photos zu machen.

Hinter einer Jalousie hat sie die Waffen- und Mädchenhändler von der Reeperbahn bei einem Geschäftsabschluß entdeckt. Sie zittert, sie haspelt, sie wickelt ihren Schal ums Objektiv, damit es nicht so laut klickt. Und immer drückt sie im falschen Moment ab. Das Photographieren, sieht man, ist nicht ihre Sache, sie hat zu wenig Abstand zu den Dingen, es regt sie alles zu sehr auf. Sie ist zu unkontrolliert, sie reagiert zu unwillkürlich, sie ist, wenn man so will, zu sehr Frau.

Hanna ist eine Witzfigur, niemand nimmt sie ernst, auch der Staatsanwalt nicht, dem sie ihre schlechten Photos zeigt. Hanna ist linkisch und entspricht in nichts dem Schönheitsideal der Illustrierten, sie ist ein glupschäugiges, miesmundiges, staksiges Trampel und allem Anschein nach nicht nur beruflich unbrauchbar. Auch in der Partnerschaft hat sie versagt; in einer wunderbaren Szene wiederholt sie ein Gesprächsritual mit der Mama in Kurzform: Nein, sie sei keine Kratzbürste, ja, sie sei an der Trennung schuld ... In ihrer Unbrauchbarkeit ist sie dem Unfallopfer ähnlich. Und daß sie nicht brauchbar sind, macht beide Frauen schön.

Schließlich gibt Hanna das Recherchieren auf und fliegt ganz überflüssigerweise nach Manila. Sie erreicht natürlich auch dort nichts, sie erreicht nie etwas. Es ist nur, daß sie recht hat mit ihren unsinnigen, nutzlosen Taten. Und, seltsam, dieses Trampel hat, je länger man ihm zuschaut, eine unwiderstehliche erotische Ausstrahlung.

Hanna ist eine Frau, die nie lächelt, die aneckt oder sich lächerlich macht oder heult. Hanna lebt nach anderen Gesetzen als die Welt, die sie umgibt. So abstoßend diese Welt, so anziehend sind ihre einfältigen Versuche, auf andere Weise dazusein. Die Erotik dieser Unerotischen kommt aus ihrer völligen Weltfremdheit her. Irgendwann glaubt man ihr, daß sie eigentlich woanders wohnt, in einer Welt, die es noch nicht gibt. Martin Ahrends